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Blaue Informationstafel der Kleist-Gedenkstätte am Kleinen Wannsee mit Texten und historischen Schwarz-weiß-Illustrationen zu Heinrich von Kleist und dem Wannsee.
Blaue Informationstafel der Kleist-Gedenkstätte am Kleinen Wannsee mit mehreren historischen Zeichnungen und Texten, teilweise mit Graffiti beschmiert

Kleist-Gedenkstätte am Kleinen Wannsee

Map Königstraße 71

KLEIST-GEDENKSTÄTTE AM KLEINEN WANNSEE

Topographie und Geschichte der Gedenk-
stätte

Die Machnowsche Heide, die den Schauplatz
der letzten Stunden im Leben und des Todes
von Heinrich von Kleist und Henriette Vo-
gel bildet, unterscheidet sich in ihrer heuti-
gen Gestalt wesentlich von der im November
1811. Eine gute Vorstellung von der damali-
gen landschaftlichen Schönheit gibt eine 1817
von Friedrich Wilhelm Delkeskamp (1794-
1872) nach der Natur geschaffene Ansicht
Am Wannsee wieder. Seine Darstellung hält
den Blick fest, wie er sich heute vom 2011
neu gestalteten Uferausleger in Richtung der
früher Cladower Sandwerder genannten Insel
Schwanenwerder bietet. Eine sanft gewellte,
nach Entnahme zahlreicher Bäume mit Gras
und niedrigem Buschwerk bewachsene Land-
schaft zeigt sich, zum Wasser hin jedoch ste-
tig abfallend.

Vornehme Sommergäste wandeln hier mode-
gemäß zwischen Holzstapeln, den Blick auf
den See gerichtet auf dem Segelboote durchs
Wasser gleiten. Am Verbindungsweg zwi-
schen Berlin und Potsdam, der bis 1795
zur Chaussee ausgebauten Königstraße, stellt der
bei der Einmündung in den Großen Wann-
see gelegene Brückenschlag über das Stolper
Loch, wie der Kleine Wannsee damals heißt,
die reizvolle landschaftliche Atraktion dar.
Auf der gegenüberliegenden Uferseite des Sees
lag das Gasthaus Stimmings Krug, über die zu
dieser Zeit noch weitaus kleinere, weniger
hohe und näher am Sterbeort von Kleist und
Vogel gelegene Friedrich-Wilhelm-Brücke
gut zu erreichen.

Der Weg zum von den Fenstern der Gäste-
zimmer gut sichtbaren Sterbeort führt nach
Überqueren der Brücke am Wasser entlang
und dann die zum Wasser hin stark abfallen-
de Erhebung hinauf, wo sich eine Mulde be-
fand. Hier starben nach ihrem Picknick der
Dichter und seine Vertraute.
Das Gelände wurde nach 1863 durch den
Abbau von Lehmvorkommen stark verän-
dert. Erst als der Eigentümer, Prinz Friedrich
Leopold von Preußen, um 1900 ein 1.490
qm großes Areal um die Grabstätte her-
um dem Deutschen Reich schenkt und die
Terraingesellschaft Kleiner Wannsee der Ge-
meinde Wannsee weitere 2.380 qm übereig-
net, ist die Grabstätte vor einer schon geplan-
ten Abräumung gesichert.

Das durch die Verbreiterung der Chaussee, der
Bau des Eisenbahndamms, die Höherlegung
der Bismarckstraße, die Parzellierung und Be-
bauung und die Verlegung der vergrößerten
Brücke veränderte Areal wird durch Willy
Lange (1864-1941) 1905 gärtnerisch gestal-
tet und die Grabstätte erstmals überzeugend
in die umgebende Natur eingebunden.

Die Gestalt der Grabstätte wandelt sich zwi-
schen 1811 und 1964 mehrfach. Der erste
Grabstein von 1848 wird 1862/63 durch ei-
nen neuen Grabstein sowie ein Gitter und
1868 durch einen marmornen Kissenstein
mit einem Vers von Max Ring (1817-1901)
ergänzt. Anlässlich der Olympiade 1936 er-
folgt eine Umgestaltung. Ein neuer Stein wird
aufgestellt, dessen Inschrift 1941 verändert
und der Kissenstein mit Rings Vers im
Märkischen Museum deponiert wird. 1964
muss der Grabstein wegen des inzwischen
großen Stammumfanges der auf der Grab-
stätte stehenden Eiche um 90° gedreht wer-
den. Die südliche Gitterseite wird entfernt.
1970 kann das Gelände der Gedenkstätte auf
seine heutige Größe von ca. 4.000 qm erwei-
tert werden.

Die aktuelle Umgestaltung der Gedenkstät-
te und ihre Umgebung erfolgte ab Sommer
2011. Vom S-Bahnhofe oder von den Schiffs-
anlegern kommend, ist nun fußläufig über
einen geschwungenen Weg von der König-
straße bis zur Ausmündung in die Bismarck-
straße, einen kurzen Weg über den Bürger-
steig und dann über das Hauptgelände zu
erreichen. Das erste neue Wegstück an der
Königstraße verläuft über das Grundstück
der 1888 von Hermann Ende und Wilhelm
Böckmann für den Industriellen Louis Au-
guste Ravené (1866-1944) und seine Frau
Martha geb. Ende erbauten Villa Candide.
Über den Bürgersteig der Bismarckstraße
erreicht der Besucher den Zugang zur Ge-
denkstätte. Das Grundstück wurde stark
ausgelichtet, um die ursprüngliche Transpa-
renz zwischen Bismarckstraße und Kleinem
Wannsee im Ansatz wieder herzustellen.

Der Weg zur Grabstätte auf dem Hauptge-
lände gabelt sich kurz nach Verlassen der Bis-
marckstraße. Der rechte Arm geleitet über
eine Treppe zum Uferbereich. Der linke Arm
folgt der alten Wegführung zum Hügel mit
der Grabstätte, umrundet diese in ovaler Figur
und führt zu der aus der älteren Gestaltung
übernommenen Treppe zum tiefer gelegenen
Gelände, wo der Weg sich mit dem ande-
ren Zuweg vereinigt und wiederum in einer
ovalen Figur um ein vertieft gelegenes Areal
zum Ufer geleitet, von wo aus sich vielfältige
Blickbeziehungen in die Kulturlandschaft des
Großen und Kleinen Wannsees eröffnen. So
erblickt man das 1863 vom Bankier Wilhelm
Conrad (1822-1899) erworbene, am westli-
chen Ufer gelegene Gelände von Stimmings
Krug. Das Gasthaus ist 1870 abgebrochen
und Conrads Villa Alsen errichtet worden.
Hier liegt die Keimzelle der Villenkolonien
am Wannsee. Die Gründer der Kolonie Al-
sen (1869), der Kolonie Wannsee (1874/75)
und der Kolonie auf dem Cladower Sandwer-
der (Schwanenwerder) (1882) scheuen keine
Kosten, um aus der Wannseelandschaft eine
reiche Kulturlandschaft zu formen.

Conrad beauftragt den Berliner Gartenbau-
direktor Gustav Meyer (1816-1877) mit ei-
nem landschaftsplanerischen Entwurf. Die
kulturgeschichtlich bedeutende Grabstätte
für Kleist und Vogel wird in das inhaltsrei-
che, nach 1871 deutlich patriotisch gemeinte
Programm der Ausstattung mit einbezogen,
1874 folgt der Flensburger Löwe, um 1880 die
Borussia im Park der Villa Wild am Sandwer-
der, unweit davon später eine kolossale Bis-
marckbüste und 1884 die Tuilerien-Säule auf
Schwanenwerder. Die durch die Gartendenk-
malpflege in den letzten Jahren veranlasste
Restaurierung der „Wannsee-Monumente“
findet 2011 mit der Wiederherstellung der
Kleist-Gedenkstätte ihren krönenden Ab-
schluss.

Bei der denkmalgerechten Sanierung der
Grabstätte selbst wurde die Gestaltung aus der
ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zugrunde
gelegt. Insgesamt wird nun das Kleist-Grab
mit der neuen Gestaltung aus seiner solitären
Lage herausgelöst und mit den neu erlebba-
ren landschaftlichen Bezügen stärker Teil der
herausragenden Berlin-Potsdamer Kultur-
landschaft und fester Bestandteil des öffent-
lichen Freiraumsystems am Wannsee. Ange-
strebt wird eine spätere Komplettierung der
Wegverbindung über die Grundstücke ent-
lang der Bismarckstraße. Die vom Landes-
denkmalamt, Bereich Gartendenkmalpflege,
vorgeschlagene und mit dem Bezirksamt
Steglitz-Zehlendorf von Berlin gemeinsam
umgesetzte Instandsetzung der landschaftli-
chen Umgebung und der Grabstätte geht u.
a. auf konzeptionelle Anregungen von Prof.
Michael Seiler, Dr. Hella Reelfs und Prof.
Horst Schumacher zurück. Die durch Mittel
der Denkmalpflege und vor allem der Cor-
nelsen Kulturstiftung ermöglichte Planung
und Umsetzung geschah durch das Berliner
Landschaftsarchitekturbüro Bode, Williams
+ Partner. Die feierliche Wiedereröffnung der
Gedenkstätte fand am 21.11.2011 statt.

Weitere Hinweise zum Gedenkort und zum
Leben und Werk von Heinrich von Kleist
finden Sie auf der Informationstafel an der
Grabstätte.

Diese blaue Informationstafel geht zurück auf eine Idee des Landesdenkmalamts. Weitere Tafeln desselben Designs existieren im gesamten Stadtraum Berlins. Die Tafeln sind gerahmt von einem Stahlgestell, die Texte und Bilder befinden sich auf einer beschichteten Kunststoffplatte.
Eine weitere blaue Informationstafel zu der Kleist-Gedenkstätte befindet sich unweit entfernt in der Bismarckstr. 2-4.

Die Bildunterschriften entsprechend der Einbettung im Fließtext lauten:
[1] Plan von 1827 mit Stolper Loch, Stimmings Krug
und Friedrich-Wilhelm-Brücke
[2] FW Delkeskamp, Am Wannsee, Kupferstich um 1817
(aus Irmgard Wirth: Berlin und die Mark Brandenburg.
Landschaften, Hamburg 1982, S. 59)
[3] Grabstätte um 1862, gezeichnet von Paul Meyerheim
(aus: Horst Schumacher: 2010, S. 45, Abb. 13)
[4] Grabstätte um 1877 (Archiv des LDA Berlin)
[5] Plan von 1879 mit eingezeichneter Grabstätte
[6] Grab in den 1880er Jahren
[7] Aktueller Plan 2011 (Bode, Williams+Partner)

Angaben zu genutzten Quellen, Autorenschaft:
Literaturhinweise
Das Wannseebuch. Hrsg. von Georg Brasch, Wannsee o. J. (1925);
Georg Minde-Pouet: Kleists letzte Stunden. Teil 1: Das Akten-Mate-
rial, Berlin 1925; Erika Müller-Lauter: Geschichte des Kleist-Grabes,
in: Kleist-Jahrbuch 1991, S. 229-256; Michael Seiler: Das Kleist-
Grab am Kleinen Wannsee. Vorschlag zu einer angemessenen land-
schaftlichen Gestaltung seiner Umgebung, in: Kleist-Jahrbuch 1994,
S. 177-179; Rudolf Loch: Kleist. Eine Biographie, Göttingen 2003;
Horst Schumacher: Das Kleist-Grab am Kleinen Wannsee, Kleist-
Archiv Sembner, Heilbronn 2010; Günter Blamberger: Heinrich von
Kleist. Biographic, Frankfurt am Main 2011

Impressum:
Cornelsen Kulturstiftung
Bezirksamt Steglitz-Zehlendorf von Berlin
Landesdenkmalamt Berlin, Gartendenkmalpflege
Text und Auswahl der Bilder
Dr. Jörg Kuhn
Konzept, Redaktion
HORTEC Berlin
Layout
ringkamp kommunikationsdesign
(November 2011)

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