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Ansicht Gedenktafel Kinderfachabteilung Wiesengrund
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Kinderfachabteilung Wiesengrund

Map Eichborndamm 238

„Kinderfachabteilung Wiesengrund“
Medizinische Verbrechen in der
Städtischen Nervenklinik für Kinder
1941–45

In den Gebäuden am Eichborndamm 238–242 wurde ab 1941
die Städtische Nervenklinik für Kinder mit den Stationen 2 und 3
eingerichtet, auch „Wiesengrund“ genannt. Die Bezeichnungen
verbargen die menschenfeindlichen Absichten der Einrichtung,
die der Umsetzung der NS-Rassenideologie diente. Bis Mai 1945
durchliefen etwa 1360 junge Patienten die Stationen. Sie erfuhren
in der Regel keine helfende Behandlung oder Heilung. Die
Kinder und Jugendlichen wurden vielfach zu wissenschaftlichen
Zwecken oder zur ärztlichen Profilierung missbraucht und ermordet.
Mindestens 134 Kinder starben infolge lebensbedrohlicher
Untersuchungen und medizinischer Experimente, aufgrund fehlender
ärztlicher Hilfe oder systematischer Vernachlässigung.

„R.A.“ als Todesurteil
Die Kinder, die aus Berlin und der Umgebung kamen, wurden
vielfach von den Eltern in die Klinik gebracht. Grundlage war die
am 18. August 1939 in Kraft getretene Meldepflicht für behinderte
Kinder durch Gesundheitsämter, Hebammen, Haus-, Kinder- und
Amtsärzte. Nach der Einlieferung wurden sie vom ärztlichen Personal
auf ihr „Intelligenzalter“ hin untersucht. Der ärztliche Befund
wurde dem „Reichsausschuss zur wissenschaftlichen Erfassung
von erb- und anlagebedingten schweren Leiden“ zugeleitet.
Dieser aus drei Reichsgutachtern bestehende Ausschuss entschied
nach Aktenlage über das weitere Schicksal des Kindes.
Beurteilte der Reichsausschuss es als „lebensunwert“, wurde es
zu einem „Reichsausschusskind" und mit einem Krankenaktenvermerk
„R.A.“ versehen. Das kam einem Todesurteil gleich.
Doch auch die Kinder der Städtischen Nervenklinik, die nicht
den Vermerk „R.A.“ hatten, waren von medizinischen Versuchen
am Eichborndamm nicht ausgenommen.

NS-Gesundheitspolitik und „Kinderfachabteilungen“
Das Denken der Gutachter und Ärzte basierte auf der Lehre der
Eugenik, die sich im 19. Jahrhundert entwickelte. Im Nationalsozialismus
wurde sie genutzt, um die NS-Rassenideologie unter
anderem durch mehrere systematische Patientenmord-Aktionen
umzusetzen. Selbst Kinder wurden davon nicht ausgenommen.
So entstanden Anfang der 1940er Jahre mindestens 30 „Kinderfachabteilungen“
im Deutschen Reich. Die Bezeichnung sollte
ärztlichen Sachverstand
und medizinische
Ethik vortäuschen. Die
„Kinderfachabteilung
Wiesengrund“ war die
einzige in Berlin mit
insgesamt 30 Betten.

Nach 1945
Nach Kriegsende wurde
der ärztliche Leiter der
Klinik Dr. Dr. Ernst
Hefter zur Rechenschaft
gezogen und
verurteilt. Sein Stellvertreter
Dr. Gerhard
Kujath, die Stationsärztin
Dr. Gertrud Reuter
und der Pathologe
Dr. Berthold Ostertag
konnten ihre Berufslaufbahnen
uneingeschränkt
fortsetzen.
Ansätze zur historischen
Aufarbeitung der
NS-Patientenmorde entwickelten sich erst in den 1980er Jahren.
Seit 2012 erinnert das Geschichtslabor am Eichborndamm 238 an
die nationalsozialistischen Verbrechen an diesem Ort.

“Kinderfachabteilung Wiesengrund”
Medical Crimes at the
Municipal Mental Hospital for Children
1941–45

From 1941 onwards, the buildings at Eichborndamm 238–242
housed the municipal mental hospital for children with wards 2
and 3, also known as “Wiesengrund” (“Meadow Ground”). The
designations hid the misanthropic aims of the institution, which
served for the implementation of the racial ideology of National
Socialism. About 1,360 young patients passed through the wards
until 1945. Generally, they did not receive any supportive treatment
or healing. The children and adolescents were misused
and murdered, for scientific purposes or medical profiling of the
hospital’s staff. At least 134 children died due to life-threatening
examinations or because of medical experiments, missing medical
help and systematic neglect.

“R.A.” as Death Sentence
Children from Berlin and its suburbs were often brought to the
hospital by their parents. The basis was the notification requirements
for disabled children. Since August 18th, 1943 health
offices, midwives as well as family and children’s doctors and
public health officers had been required to this notification. After
admission, the children were examined for their “intelligence
age” by the hospital staff. The medical report was transferred
to the “Reichsausschuss zur wissenschaftlichen Erfassung von
erb- und anlagebedingten schweren Leiden” (Reichscommittee
for the Scientific Recording of Serious Hereditary and Congenital
Diseases). The committee consisted of three Reichsconsultants,
who decided about the following faith of each child, based on
the medical reports. If the Reichscommittee deemed the child
“lebensunwert” (“unworthy of living”), it became a “Reichsausschusskind”
(Reichscommittee Child). The medical report then
received the note “R.A.”, which was equal to a death sentence.
But even those children, who did not possess the “R.A.” note,
were not excluded from medical crime at Eichborndamm.

Nazi Health Politics
and “Paediatric Departments”
The mindset of the consultants and doctors was based on
Eugenics, which had arisen in the course of the 19th century.
In Nazi Germany, it was used to implement Nazi racial ideology,
e.g. through several actions of systematic medical murders.
Even children were not excluded from this practice. Thus, at least
30 “Kinderfachabteilungen” (“Paediatric Departments“) came
into being in the German Reich at the beginning of the 1940s.
The designation should simulate medical expertise and ethics.
The “Kinderfachabteilung Wiesengrund” was the only one of its
kind in Berlin with a number of 30 beds.

After 1945
After the end of the Second World War, the medical chief of the
hospital, Dr. Dr. Ernst Hefter was brought to justice and convicted.
His deputy chief Dr. Gerhard Kujath, ward physician Dr. Gertrud
Reuter and the pathologist Dr. Berthold Ostertag were able to
continue their careers unrestrictedly.
Approaches to come to terms with the Nazi medical murders developed
only during the 1980s. Since 2012 the Geschichtslabor
(History Lab) at Eichborndamm 238 has been commemorating
the crimes of National Socialism at the historical location.

Die Gedenkstele wurde am am 21. März 2025 am Gedenkort und Geschichtslabor Eichborndamm 238 eingeweiht. Die Stele wurde auf Initiative von Bezirksbürgermeisterin Emine Demirbüken-Wegner und in Zusammenarbeit mit dem Museum Reinickendorf aufgestellt. Es sprachen Bezirksbürgermeisterin Emine Demirbüken-Wegner, Prof. Dr. Thomas Beddies von der Charité sowie Sabine Hillebrecht von der Humboldt-Universität.

Links oben auf der Tafel ist eine Karte abgebildet, die das Areal der Wittenauer Heilstätten und Städtischen Nervenklinik für Kinder abbildet.

Die Bildunterschriften v.o.n.u. lauten:

„Kinderfachabteilung Wiesengrund“ 1941–45, Gebäude 1938
“Wiesengrund Paediatric Department” 1941–45, Buildings 1938
© Archiv Museum Reinickendorf

Krankengeschichte von Irmgard L.
Medical records of Irmgard L.
*28.12.1941 †1.9.1943
Irmgard starb nach mehreren schmerzhaften
Untersuchungen in der „Kinderfachabteilung“.
Irmgard died after several painful examinations
in the “Paediatric Department”
© Landesarchiv Berlin

„Kinderfachabteilung Wiesengrund“, um 1942
“Wiesengrund Paediatric Department”, around 1942
© Institut für Geschichte der Medizin und Ethik in der Medizin, Charité

Unweit entfernt von dem Gebäude, an der Oranienburger Straße 285, befindet sich das Areal der ehemaligen Wittenauer Heilstätten. Dort erinnert eine Gedenktafel an die nationalsozialistische Klinikvergangenheit. Auf dem ehemaligen Anstaltsfriedhof arbeitet der Freundeskreis Gedenkort Alter Anstaltsfriedhof an der Erhaltung der Friedhofsmauer und der Einrichtung eines Gedenkortes.

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