Wilhelmstraße 74
Map Wilhelmstraße 85
1799 richtete Großkanzler Heinrich Julius von Gold-
beck in dem 1736 für den Geheimen Kriegs- und
Domänenrat Wilhelm Friedrich von Kellner erbauten
Palais seinen Wohn- und Amtssitz ein. Den Titel
»Großkanzler« trug seit 1747 der leitende preußi-
sche Justizminister. Bis 1848 war das Haus Sitz der Justizminister.
Anschließend nutzte das Preußische Staatsministerium das Gebäude.
In die leerstehende Ministerwohnung im Obergeschoß zog 1867 das
Kanzleramt des Norddeutschen Bundes. Dieses Amt,
das neben den Geschäften des Kanzlers auch die
Geschäftsführung des Bundesrates erledigte, litt unter
ständiger Raumnot und verdrängte allmählich das
Staatsministerium aus dem Gebäude.
Von 1872 bis 1874 wurde das Palais umgebaut. Es
erhielt ein zusätzliches Stockwerk und einen eigenen
Sitzungssaal für den Bundesrat.
Bis 1919 war das Gebäude Sitz des 1879 aus dem
Kanzleramt hervorgegangenen Reichsamts des Innern.
Die ehemalige Ministerwohnung wurde 1919 kurze
Zeit von Reichspräsident Friedrich Ebert genutzt. Im
selben Jahr übernahm das bereits in den Nachbar-
gebäuden Wilhelmstraße 75 und 76 residierende
Auswärtige Amt das Gebäude. Im ehemaligen Bun-
desratssaal fanden von nun an Pressekonferenzen
statt. 1939 verlegte Außenminister Joachim von Ribbentrop sein Büro
aus der Wilhelmstraße 76 hierher.
Im Zweiten Wellkrieg wurde das Gebäude erheblich
beschädigt. 1951 erfolgte der Abriß. Das in Mauer-
nähe liegende Grundstück blieb zunächst unbebaut.
Mitte der 1980er Jahre begann die DDR mit der
Errichtung von hochwertigen Plattenbauten.
In 1736 the Privy Councilor for War and Govern-
ment Estates, Wilhelm Friedrich von Kellner, built
a palace here. In 1799 the Lord High Chancellor,
Heinrich Julius von Goldbeck, established his resi-
dence and offices in the palace. Chief ministers
of justice in Prussia had held the title of Lord High
Chancellor since 1747.
The building was the seat of the justice minister until
1848 and was then used by the Prussian Ministry of
State. In 1867 the Chancellery of the North German
Federation moved into the vacant minister's apartment on the upper
floor. The Chancellery handled the chancellor's affairs and the business
affairs of the Bundesrat, the upper house of Parlia-
ment. Always short of space, the Chancellery‘s con-
tinual expansion gradually edged the Ministry of
State out of the building.
The palace was remodeled in 1872-74. A new
storey was added and a separate assembly hall
was constructed for the Bundesrat.
In 1879 the Chancellery became the Reich Office
of the Interior, which was based in the building until
1919. Reich President Friedrich Ebert used the old
minister's apartment briefly in 1919. That same
year the Foreign Ministry, which was based next
door at Wilhelmstraße 75 and 76, took over the
building. The former Bundesrat assembly hall
became the setting for press conferences. In 1939
Foreign Minister Joachim von Ribbentrop moved his office here from
Wilhelmstraße 76.
The building was severely damaged in the Second World War and
demolished in 1951. The site, close to the Berlin Wall, remained vacant
until the mid-1980s when the East German government started con-
structing quality prefab high-rise blocks here.
Die Informationstafel ist Teil der „Geschichtsmeile Wilhelmstraße“, initiiert von der Stiftung Topographie des Terrors, die entlang der Wilhelmstraße an 30 Stationen die Geschichte der Gebäude des historischen Regierungsviertels präsentiert. Eine Übersicht ist hier verfügbar.
Die Ausstellung wurde 1996 im Auftrag des Senators für Bauen, Wohnen und Verkehr konzipiert und 2007 mit Unterstützung der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung erweitert sowie umfassend überarbeitet. Die Gestaltung lag bei Helga Lieser.
Ganz oben befindet sich eine Abbildung des Reichskanzleramt mit der Bildunterschrift: „Reichskanzleramt, 1919-1945 Dienstgebäude des Auswärtigen Amtes, 1898“ aus dem landesarchiv Berlin. Rechts darunter ist ein Bild des Sitzungssaales im Reichskanzleramt mit der Bildunterschrift: „Sitzungssaal des Bundesrats im Reichskanzleramt, vor 1877“ aus dem landesarchiv Berlin. Direkt darunter befinden sich drei weitere Abbildungen erstens ein Bild des ehemaligen Bundesrates mit der Bildunterschrift: „Pressekonferenz im ehemaligen Bundesratssaal, 22. Juni 1944. Außenminister Ribbentrop (stehend) gibt den Angriff auf die Sowjetunion bekannt“ aus der bayerischen Staatsbibliothek München, danach eine Abbildung von dem damaligen Außenminister Ribbentrop mit der Bildunterschrift: „Außenminister Ribbentrop (rechts) in seinem Büro in der Wilhelmstraße 74 im Gespräch mit dem rumänischen Staatschef Ian Antonescu, November 1940“ aus der bayerischen Staatsbibliothek Berlin. Und als letztes unten rechts aus der Tafel eine Abbildung des Auswärtigen Amtes nach dem zweiten Weltkrieg mit der Bildunterschrift: „Ruinen des Auswärtigen Amtes, rechts das Haus Nr. 74, 1949“ aus dem Landesarchiv Berlin.

