Widerstand gegen den Nationalsozialismus / Erich Fellgiebel
Map Wrangelstraße 10
in Steglitz-Zehlendorf
Nur eine sehr kleine Minderheit der deutschen Bevölkerung leistete
Widerstand gegen die NS-Diktatur. Der Großteil begrüßte die
nationalsozialistische Herrschaft. In Steglitz und Zehlendorf erhielt die
NSDAP bei den letzten freien Reichstagswahlen im November 1932 mit
36,1 Prozent in Zehlendorf und 29,4 Prozent in Steglitz mehr Stimmen
als in allen anderen Bezirken außer Spandau. Dennoch gab es auch
hier in der gesamten NS-Zeit einen vielfältigen Widerstand von Menschen
unterschiedlicher Sozialisation und Weltanschauung.
Die meisten Widerständigen standen der Arbeiterbewegung nahe. Dazu
gehörten die im Bezirk lebenden sozialdemokratischen Ehepaare Annedore
und Julius Leber sowie Adolf und Rosemarie Reichwein, die über den
Kreisauer Kreis Verbindungen zum Attentats- und Umsturzversuch vom
20. Juli hatten. Weitere Beispiele sind das Ehepaar Wilhelm und Gertrud
Skubich sowie Margarete Becker, die die Kontakte zur Sozialdemokratie
auch in der NS-Zeit aufrechterhielten. Zum kommunistischen Widerstand
gehörte das Ehepaar Hans und Hilde Seigewasser. Sie organisierten
über die Rote Hilfe Unterstützung für politisch Verfolgte. Die Jüdin llse
Stillmann leistete bis zu ihrer drohenden Deportation Widerstand und
versteckte sich von 1943 bis Kriegsende.
Auch widerständige Kunstschaffende und Intellektuelle lebten im Bezirk.
Darunter waren die Journalistin Ruth Andreas-Friedrich, ihr Lebensgefährte
Leo Borchard, Dirigent, und ihre Tochter Karin Friedrich. Gemeinsam
gründeten sie 1938 die Widerstandsgruppe “Onkel Emil” und verbreiteten
die Flugblätter der Münchener Widerstandsgruppe “Weiße Rose” in
Berlin. Die Tänzerin und Bildhauerin Oda Schottmüller nutzte ihre
Auslandsreisen als Kurierin für geheime Informationen und betätigte sich
im Widerstandsnetzwerk “Rote Kapelle”.
Widerstand aus christlichem Glauben leisteten Hans-Bernd von Haeften,
der ebenfalls zum Kreisauer Kreis um die Ehepaare Peter und Marion
Yorck von Wartenburg und Helmuth und Freya von Moltke gehörte und
über seinen Bruder Werner von Haeften in den Umsturzversuch vom
20. Juli 1944 eingeweiht war, sowie Dietrich Bonhoeffer und seine
Schwestern und Schwager, darunter Walter und Susanne Dress, geb.
Bonhoeffer. ln der Dahlemer Bekenntnisgemeinde versuchten
Oppositionelle, Jüdinnen und Juden vor der Deportation zu retten.
Neben Erich Fellgiebel lebten auch weitere am 20. Juli beteiligte Militärs
im Bezirk. Dazu gehörten neben Oberst Schenk Graf von Stauffenberg
und seinem Bruder Berthold auch Generaloberst Ludwig Beck, Cäsar
von Hofacker, Friedrich Olbricht und Werner von Haeften.
ln der unmittelbaren Nachkriegszeit wurden in den Rathäusern der
Berliner Bezirke Gedenktafeln zu Ehren der „Opfer des Faschismus“
angebracht. Auf diesen standen die Namen der bis dahin bekannten
ermordeten Widerstandskämpferinnen und Widerstandskämpfer. ln
Steglitz und Zehlendorf wurden die Gedenktafeln vermutlich im September
1947 eingeweiht. Wann sie wieder entfernt wurden, ist nicht bekannt.
Liste der auf den Gedenktafeln zu Ehren der “Opfer des
Faschismus” verzeichneten Namen in den Rathäusern
Steglitz und Zehlendorf.
Trille Schünke-Bettinger
Erich Fellgiebel und der 20. Juli 1944
Erich Fellgiebel wurde am 4. Oktober 1886 in Pöpelwitz bei Breslau
(Wrocław) als Sohn eines Gutsbesitzers geboren. Schon früh zeigte
Fellgiebel eine besondere Begabung auf naturwissenschaftlichem Gebiet.
1905 trat er als Offiziersanwärter in das preußische Telegrafen-Bataillon
Nr. 2 in Frankfurt/Oder ein. Im Ersten Weltkrieg erlebte Fellgiebel das
Versagen der Nachrichtentruppe, was ihn nachhaltig prägte. Zwischen
1918 und 1933 war er auf dem Gebiet des Nachrichtenwesens in Truppen-
und Stabsstellungen sowie im Reichswehrministerium tätig. Nach 1933
stieg er bis zum General der Nachrichten in der Wehrmacht auf. Zuletzt
bekleidete er den Rang eines Generalleutnants. Erich Fellgiebel war
zweimal verheiratet, er hatte zwei Söhne und eine Tochter.
Unverzichtbarer Nachrichtenexperte
fellgiebel war unbestritten der Fachmann in Fragen Nachrichtentechnik.
Das brachte ihm den Namen “Stippenpapst” ein. Er war überzeugt, dass
die Kommunikation entscheidend für das Agieren von Militäreinheiten
ist, und ließ sie entsprechend ausrüsten. Als hoher Wehrmachtsoffizier
unterstützte er mit seinen Fähigkeiten die Kriegsführung des Deutschen
Reiches. Bereits vor Kriegsbeginn ging er jedoch auf Distanz zu Hitler
und lehnte dessen Pläne eines Eroberungsfeldzuges offen ab. Die NS-
Spitze hielt ihn für politisch unzuverlässig, duldete ihn jedoch, weil er als
unverzichtbar galt.
Zentrale Rolle am 20. Juli 1944
Innerhalb des militärischen Widerstands kam Erich Fellgiebel eine zentrale
Rolle zu. Weil er aufgrund seiner Position ungehindert umherreisen
konnte, war er der ideale Verbindungsmann, um Informationen zu
sammeln. Zudem gewann der General nahezu die gesamte Führung
des Nachrichtenwesens der Wehrmacht für den Widerstand. Das war
eine zentrale Voraussetzung dafür, dass die Widerstandskämpfer um
Claus Schenk Graf von Stauffenberg ein Attentat auf Hitler und einen
Staatsstreich mit größeren Truppenbewegungen planen konnten, der
den Krieg und das NS-Regime beenden sollte. Am 20. Juli 1944 gelang
es dem 57-jährigen Fellgiebel, die Kommunikation aus dem Hauptquartier
Wolfsschanze heraus so lange zu unterbinden, bis der Staatsstreich
angelaufen war. Dieser scheiterte, da Hitler überlebt hatte.
Erich Fellgiebel wurde noch am Abend des 20. Juli festgenommen. Trotz
wochenlanger Verhöre und körperlicher Folter verriet er weder Namen
noch Einzelheiten. Seine Beteiligung am Staatsstreich leugnete er nicht.
Auf einer Liste war er im Schattenkabinett von Stauffenberg als Postminister
vorgesehen. Vom NS-Regime verleumdet und vom Volksgerichtshof zum
Tode verurteilt, wurde Fellgiebel am 4. September 1944 in Berlin-
Plötzensee gehängt. Seine Familie kam zeitweise in Haft, Wertgegen-
stände und Eigentum wurden konfisziert.
Späte Anerkennung
Nach 1945 hatte es Fellgiebels Witwe schwer, von den bundesdeutschen
Behörden Versorgungszahlungen und eine Entschädigung zu erhalten,
da sein Anteil am Widerstand in Zweifel gezogen wurde. Heute sind
Erich Fellgiebels Stellung im militärischen Widerstand und sein Verdienst
anerkannt. Der einstige Nachrichtengeneral, der von 1938 bis 1942 in der
Wrangelstraße 10 lebte, wird vielfach geehrt: So vergibt die Bundeswehr
seit 2014 die General-Fellgiebel-Medaille für herausragende Leistungen.
Lars-Broder Keil
Enthüllt wurde die Stele am 18.12.2025. Es sprachen Bezirksstadträtin Malgorzata Sijbrandij, Kulturstaatssekretärin Cerstin Richter-Kotowski, die Historikerin Trille Schünke-Bettinger, der Journalist Lars-Broder Keil und die Enkelin von Erich Fellgiebel, Barbara Fellgiebel. Enthüllt wurde die Stele von Ururenkelinnen Fellgiebels.
Auf der Seite zum Widerstand befinden sich rechts neben dem Text übereinander fünf Fotografien. Die Bildunterschriften lauten (v. o. n. u.)
Annedore Leber, undatiert
Privatbesitz / Reproduktion Gedenk-
stätte Deutscher Widerstand
Hilde und Hans Seigewasser (1. Und
2. v.l.), undatiert
Gedenkstätte Deutscher Widerstand
Oda Schottmüller, undatiert
Gedenkstätte Deutscher Widerstand
Auch die Lehrerin Elisabeth Schmitz
engagierte sich als Mitglied der
Bekennenden Kirche gegen den
Nationalsozialismus und die
zunehmende Entrechtung der
jüdischen Bevölkerung
Privatbesitz / Gedenk-
stätte Deutscher Widerstand
Gedenktafel zu Ehren der Widerstands-
kämpfer und Opfer des Faschismus
im Rathaus Zehlendorf, undatiert
Archiv der VVN-VdA
Auf der Seite zu Erich Fellgiebel befinden sich ebenfalls fünf Fotos. Deren Unterschriften lauten (v. o. n. u.):
Erich Fellgiebel, undatiert
Gedenkstätte Deutscher Widerstand
Erich Fellgiebel mit Sohn Walter-Peer
aus erster Ehe, Tochter Susanne
und Ehefrau Cläre, um 1926
Privatbesitz
Der zerstörte Besprechungsraum
im “Führerhauptquartier Wolfs-
schanze” unmittelbar nach dem
Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944
Bundesarchiv, Bild 146-1972-025-12
Erste Festnahmeliste der “Gestapo-
Sonderkommission 20. Juli 1944"
vom 24. Juli 1944
Bundesarchiv, NS 6/4
Erich Fellgiebel während seines
Prozesses am 10. August 1944. Mit
ihm angeklagt wurden an diesem Tag
berthold Schenk Graf von
Stauffenberg, Fritz Dietlof Graf von
der Schulenburg, Alfred Kranzfelder
und Georg Alexander Hansen.
Bundesarchiv, Bild 146-2008-0185
Jeweils links auf jeder Seite steht von unten nach oben: Historische Information. Im unteren Bereich befinden sich die Signets “Fachbereich Kultur Steglitz Zehlendorf” sowie “Erinnern für die Zukunft Steglitz-Zehlendorf” und der Hinweis, dass “Konzeption & Gestaltung:” in den Händen von Karin Rosenberg lagen.

