Viktoria-Luise-Platz
Map Viktoria-Luise-Platz / Motzstraße
Vorbemerkung
Sie stehen auf dem Viktoria-Luise-Platz, einem der
zahlreichen historischen Stadtplätze in Berlin. Der
Platz hat eine Länge von 160 m und eine Breite von
90 m; seine Fläche beträgt 5.300 m2.
Die Anlage wurde am 9. Juni 1900 feierlich ihrer
Bestimmung übergeben. Das vergleichsweise späte
Entstehungsdatum wird vor dem Hintergrund der
Berliner bzw. der Schöneberger Geschichte im fol-
genden verständlich.
Stadtgeschichtlicher Hintergrund
Erst im Jahre 1898 erhielt das ehemalige Dorf
Schöneberg die Stadtrechte und blieb danach wei-
tere 22 Jahre eine selbstständige Gemeinde. Das
Stadtgebiet Berlins beschränkte sich zu dieser Zeit
auf das Gebiet der heutigen Bezirke Mitte, Tiergar-
ten, Wedding, Prenzlauer Berg, Friedrichshain und
Kreuzberg. Erst 1920 kam es zur Gründung von
Groß-Berlin, wodurch sich der Bezirk Schöneberg
unversehens im Zentrum und nicht mehr am Rande
der Großstadt wiederfand.
Durch die Eingemeindung Schönebergs wurde ein
mittlerweile längst eingetretener Zustand juristisch
de facto festgeschrieben; Schöneberg lag längst
schon inmitten eines unübersehbar gewordenen
Häusermeeres. Eingeleitet wurde diese Entwicklung
nach der Reichsgründung von 1871, als Schöneberg
wie auch Charlottenburg immer mehr in den Sog
der dynamisch expandierenden Reichshauptstadt
und Industriemetropole Berlin gerieten. Schon
zwischen 1880 und 1890 hat sich beispielsweise die
Einwohnerzahl von Schöneberg verdoppelt.
Die zunehmende Bebauung erreichte um die Jahr-
hundertwende auch den Bereich des heutigen
Viktoria-Luise-Platzes. Eine bedeutsame Rolle bei
der Erschließung dieses bis dahin brachliegenden
feuchten Wiesengebietes im Westen Schönebergs
spielte die 1890 gegründete »Berlinische-Boden-
Gesellschaft« unter ihrem Hauptgesellschafter
Georg Haberland. Ihre Absicht war es im Gebiet des
heutigen »Bayerischen Viertels« einen »Stadtteil für
bessere Wohnungen zu schaffen, um den zahlreichen
höheren Beamten, Geschäftsleuten und Rentnern
Gelegenheit zu bieten, in der unmittelbaren Umge-
bung Berlins ihr Wohnbedürfnis in guter und billiger
Weise zu befriedigen.« Dies vor dem Hintergrund
der Tatsache, dass die Berufszählung von 1907 für
Schöneberg bei der Anzahl der Beamten und
aktiven Militärs eine Spitzenstellung ergab. Auch die
Gruppe derer, die von eigenem Vermögen und Pen-
sionen lebten, war relativ groß. Darüber hinaus
belegte Schöneberg 1903 im Vergleich aller
preußischen Städte über 50.000 Einwohner bei den
Steuereinnahmen pro Kopf der Bevölkerung nach
Charlottenburg den fünften Platz.
Ganz im Sinne der beabsichtigten Aufwertung des
neu entstehenden Wohngebietes war es dann
Georg Häberland selbst, der den Bau des späteren
Viktoria-Luise-Platzes initiierte bzw. sämtliche
Kosten einschließlich der Planung übernahm. Dies
war wohl weniger Ausdruck einer mäzenatischen
Haltung, da es Haberland vor allem um den privat-
wirtschaftlich rentablen Verkauf seiner zahlreichen
Häuser und Grundstücke ging. Außerdem war es
aber auch der Ehrgeiz der aufstrebenden Stadt
Schöneberg mit der Kernstadt Berlin mitzuhalten,
was zur der Anlage von verschiedenen Stadt- bzw.
Schmuckplätzen führte. In Berlin selbst wurden zu
Beginn des Jahrhunderts nicht weniger als 130
dieser repräsentativen Schmuckplätze mit gärtne-
risch anspruchsvoller Ausgestaltung gezählt, welche
somit zu einem selbstverständlichen Bestandteil
insbesondere von vornehmeren Wohngegenden
wurden.
Die Einweihung des Viktoria-Luise-Platz im Jahr
1900 war dementsprechend ein großes gesellschaft-
liches Ereignis. Georg Haberland selbst beschreibt in
seinen Erinnerungen das Ereignis folgendermaßen:
»Das war eines der schönsten Feste, das die Berli-
nische Boden-Gesellschaft veranstaltet hat.
Während des Essens in einem benachbarten Res-
taurant wurde der Platz mit mehreren tausend elek-
trischen Lämpchen festlich illuminiert. Der benach-
barte Stadtteil hatte noch schlechte Gasbeleuch-
tung. Wir hatten eine eigene kleine Kraftstation
errichtet, mit der wir den Platz und die neuen
Straßen elektrisch beleuchteten. Auf dem Platz
selbst war ein Springbrunnen gebaut, des abends als
‚fontaine lumineuse‘ weithin sichtbar erstrahlte. Um
die Mitternachtsstunde wurde die Absperrung
durchbrochen und namentlich die weibliche Jugend
mischte sich unter die Gäste. Ich sehe heute noch
den alten Ludwig Pietsch vor mir, auf jedem Knie ein
lachendes Mädchen. Um 12 ½ ließ ich das Licht
ausschalten, damit die Stimmung nicht allzu vergnügt
wurde.«
Den alteingesessenen Schönebergern muß der neue
Platz mitsamt seinem Säulenaufbau und der nächt-
lich angestrahlten Springbrunnenanlage wie ver-
schwenderischer Luxus erschienen sein. Dennoch
hat sich damals noch niemand wirklich am privat-
wirtschaftlichen Kalkül Haberlands gestört, zumal
Ausgaben von dieser Größenordnung die damals
noch vergleichsweise bescheidene Finanzkraft der
Stadt deutlich überschritten.
Anekdotisch muss allerdings erwähnt werden, dass
bereits 1908, anlässlich der Einweihung des nahege-
legenen Bayerischen Platzes, ein Schatten auf das
zunächst so freundliche Verhältnis zwischen den
Schöneberger Stadtvätern und Haberland fiel.
»Magistrat und Stadtverordnete, die mit der Einfüh-
rung der Wertzuwachssteuer den Zorn Haberlands
erregt hatten, sagten kurz vor der Feier ihre
Teilnahme ab. Daraufhin zog auch der preußische
Minister Breitenbach - oberste Instanz für alle
Fragen der Bauordnung und Bebauungspläne – seine
Zusage zurück. Diese verpatzte Feier verzieh
Haberland nie.
Schöneberg bekam seine Kränkung vor allem da-
durch zu spüren, dass das Westgelände für Jahre
hinaus unbebaut blieb, während sich die rivali-
sierenden Nachbargemeinden Wilmersdorf und
Tempelhof seiner uneingeschränkten Gunst erfreuen
konnten.«
Leitende Gestaltungsprinzipien bei der
Anlage des Platzes
Schon im Herbst 1898 veranstaltete die Haber-
landsche Bodenbaugesellschaft einen Wettbewerb
für die Gestaltung des sogenannten »Platzes Z«
bzw. des späteren Viktoria-Luise-Platz.
Diesen gewann der Garteninspektor Fritz Encke
(1861-1931) aus Potsdam, nach dessen Plänen sodann
der Platz ausgeführt wurde.
Einzige Abweichung war, dass man anstatt eines
mehrschaligen Hochbrunnens eine flache Spring-
brunnenschale anlegte. Encke war einer der heraus-
ragenden Vertreter der Reformbestrebungen in der
Gartenkunst und wurde 1903 schließlich Stadtgar-
tendirektor von Köln.
Im Wettbewerbsprogramm wurde das Hauptaugen-
merk »auf besonders wirkungsvolle landschafts-
gärtnerische Anlagen, auch etwa in Verbindung mit
kleineren Zierbauwerken, Sitzanlagen, Springbrun-
nen oder auch mit einem oder mehreren Bildwerk-
en gelegt.« Encke hat sich in seinem Plan durchaus
nach diesen Vorgaben gerichtet oder aber mit
seinen eigenen Worten: »Der obengenannte Fon-
tänenaufbau bildet die Mitte und den Hauptan-
ziehungspunkt des Platzes. Das Gelände steigt hier
etwas an, doch liegt der Wasserspiegel so, dass er
vom Wege aus gesehen wird.
Vier Vasen mit Blumendekoration und vier Hermen,
welche Personen aus der vaterländischen
Geschichte oder verdiente Mitbürger darstellen,
stehen an den Wegecken rings um den Fontänen-
aufbau. Den Winkel der beiden Straßenzüge hal-
bierend, ist die Hauptachse durch zwei Sitzanlagen
betont. Die eine ist eine Marmorbank, die andere
eine von Schlingpflanzen umrankte Pergola. Es
können ferner Bänke außerhalb des künstlerisch
behandelten Platzes an der Erweiterungen des um
den Platz führenden Bürgersteiges Aufstellung
finden. Hier können auch 2 Anschlagsäulen Platz
finden. In den (großen) Gehölzgruppen versteckt,
sind 2 Bedürfnisanstalten vorgesehen.«
Hinsichtlich der Geometrie des Platzes wählte
Encke die eher seltene Form eines langgestreckten
Sechsecks, wodurch eine elliptische Mittelinsel
entstand. So reagierte die Platzgestalt kongenial auf
die vorgegebene Existenz der sechs einmünden
Straßen.
Auch die Bepflanzung der Anlage sieht sich dieser
großzügigen, einheitlichen Raumauffassung bzw. der
Möglichkeit einer freien Überschaubarkeit der
Platzmitte verpflichtet. »Durch Pflanzung ist ein für
das Auge des Besuchers bzw. Anwohners oval
erscheinender Platz herausgeschnitten, welcher
ringsum von Gehölzanpflanzungen eingeschlossen
erscheint. Sie ist so angeordnet, dass sie an den
Schmalseiten der Anlage und an den Einmündungen
der Querwege zusammenhängend hoch und kräftig
ist, während sie dazwischen auf 1,50 m herabsinkt,
so dass die Passanten auf dem herum bepflanzten
Bürgersteig die Fontänenanlage etc. sehen können.«
Die zwischen den Wegen liegenden kleineren
Rasensegmente, jeweils von einem niedrigen
Heckenband eingefaßt, an den Eckpunkten und im
Kreis durch Säulentaxus bzw. Kugelbuchsbaum
betont, sollen den ruhigen, einheitlichen Gesamt-
eindruck unterstreichen.
Die Längsachse ist zwischen zwei monumental
wirkende, zum Platzinnern orientierte halbrunde
Sitzplätze - eine antikisierende Kolonnade und eine
nicht mehr vorhandene Marmorbank - eingespannt.
Damit hat der Platz nicht nur ein Eigenleben, er
bietet damit gleichzeitig die Möglichkeit zum
ruhigen Aufenthalt. Das Bemühen Enckes bei aller
repräsentativen und teilweise monumentalen
Gestaltung dennoch einen abgeschirmten
Binnenraum mit ruhigen Sitzmöglichkeiten zu
schaffen, war bei älteren Plätzen noch keineswegs
die Regel. Die im Jahre 1900 verwirklichte Anlage
lehnt sich zwar durchaus an die Idee des klassischen
Schmuckplatzes an, wie sie zu Ende des 19. Jahrhun-
derts in Berlin vorherrschend war, bietet zugleich
aber ein frühes Beispiel für die sich ändernde
Zielsetzung in der Gestaltung städtischer Plätze
zu Beginn des 20. Jahrhunderts.
Deutlich wird der Wandel vom ausschließlich
repräsentativen Schmuckplatz zum ruhigen und
erholsamen Aufenthaltsort sichtbar. Begünstigt
wurde das im Falle dieser Anlage auch durch die
Lage fernab der hauptstädtischen Magistralen wie
etwa Martin-Luther-Straße bzw. Hohenstaufen-
straße. Nach der Fertigstellung des Platzes erhielt er
zu Ehren der Tochter Kaiser Wilhelms II. den
Namen Viktoria-Luise-Platz.
Randbebauung und weitere Entwicklung des Platzes
Zur Eröffnung des Platzes waren die umgebenden
Bauten fertiggestellt; insgesamt war die Bebauung
1902 beendet. Die zeitgenössisch Kritik bemängelte
daran: »Was die Architektur auf dem Viktoria-Luise-
Platz betrifft, so hat weder die Berliner Bodenge-
sellschaft als Besitzerin, noch die Schöneberger
Stadtverwaltung als Erbin derselben einen nennens-
werten Einfluß auf Symmetrie oder Stileinheit in
den Facaden zu üben versucht, obwohl beiden
Gelegenheit dazu gegeben sein musste. Diese
Vogelfreiheit hat denn auch die Berliner Architek-
tenwelt weidlich missbraucht und, unbekümmert
um die regelmäßige Formengebung des Platzes,
märkische Backsteinbauten neben sezessionistische
Wundergebilde gestellt, künstlerisch vornehm ge-
gliederte Barockfacaden, wie die des Lettehauses,
neben den modernen Berliner Prunkbau mit gold-
gestreiften Kuppelbauten und hochgeflügelten
Genienleibern.Welche Stimmung hätte sich in dem
festlich frohen Gartenplatz erreichen lassen, wenn
etwa die fein gedämpfte Architektur des Lette-
hauses den Grundakkord auch für die übrigen
Bauten geben durfte«
Aus dem gewonnenen zeitlichen Abstand heraus ist
jedoch nicht nur die Nummer 6 (Lette-Haus) als
besondere architektonische Leistung zu sehen,
sondern die zu Anfang des 20. Jahrhunderts entstan-
dene geschlossene Randbebauung insgesamt.
Im zweiten Weltkrieg wurden die Nummern 1,4,5,
8,10 und 11 zerstört, davon aber die Häuser 4,8, 10
und 11 wieder aufgebaut. Insgesamt haben sich damit
von den ursprünglichen, mit aufwendigen Fassaden
auf den Platz ausgerichteten Gebäuden in der
Kubatur nahezu alle, in der Originalgestalt aber nur
noch zwei Beispiele erhalten. Einige Jahre nach
seiner Fertigstellung wurde der Viktoria-Luise-Platz
durch die Bauarbeiten für die am I. Dezember 1910
eröffnete Untergrundlinie Innsbrucker Platz-Nollen-
dorfplatz in Mitleidenschaft gezogen; der U-Bahn-
Eingang wurde dabei an die Ostseite des Platzes
gelegt. Nach den Verwüstungen des zweiten Welt-
krieges blieb die Struktur des Platzes, von geringen
Veränderungen abgesehen, bis zum Jahre 1957 gut
erhalten. Danach wurde er einer modernistischen
Umgestaltung unterzogen, die sich nur noch
unwesentlich am historischen Entwurf orientierte.
Von 1979-1980 wurde der Viktoria-Luise-Platz vom
Naturschutz- und Grünflächenamt des Bezirks-
amtes nach einem Ausführungsplan der Berliner
Gartendenkmalpflege, unter Berücksichtigung
aktueller Nutzungsansprüche, nach historischem
Vorbild wiederhergestellt und die verfehlte Umge-
staltung der 50iger Jahre rückgängig gemacht.
1982 wurde der Platz unter Denkmalschutz gestellt.
1994/95 wurde von der Gartendenkmalpflege als
weiterer Schritt zur Wiedergewinnung der ur-
sprünglich gestalterischen Kraft der markanten
Platzgestalt die weit in das Stadtbild wirkende große
Fontäne sowie der Brunnen und die Brunnenstube
instandgesetzt.
Mit der weitgehenden Wiedergewinnung der
historischen Gestalt konnte der Viktoria-Luise-
Platz seine überragende Beliebtheit bei den
Besuchern zurückerhalten. Er verfügt über ein ein-
zigartiges identitätsstiftendes Potential, das Jung und
Alt zum Verweilen einlädt.
Wie alle öffentlichen Parkanlagen ist auch dieser
Platz in besonderer, Maße durch eine den Bestand
gefährdende Übernutzung in seiner einzigartigen
Schönheit bedroht. Es bleibt dennoch die Hoffnung,
dass eine neuerliche Besinnung auf einen rücksichts-
vollen Umgang mit unserer Natur und Gartenkul-
tur, dieses bedeutende Zeugnis Berliner Freiraum-
und Stadtkultur auch für zukünftige Generationen
erhalten bleiben wird.
Möge die 100 Jahr-Feier im Jahr 2000 ihren Beitrag
dazu leisten.
Diese blaue Informationstafel geht zurück auf eine Idee des Landesdenkmalamts. Weitere Tafeln desselben Designs existieren im gesamten Stadtraum Berlins. Die Tafeln sind gerahmt von einem Stahlgestell, die Texte und Bilder befinden sich auf einer beschichteten Kunststoffplatte.
Die Bildunterschriften entsprechend der Einbettung im Fließtext lauten:
[1] Ansicht des Viktoria-Luise-Platzes um 1900
[2] Blick auf den Viktoria-Luise-Platz um 1903
[3] Entwurf zum »Platz Z« in Schöneberg, von Fritz Encke, 1898
[4] Ansicht des Viktoria-Luise-Platzes mit aufgebauter elektrischer Beleuchtung, um 1900
[5] Postkarte »Viktoria-Luise-Platz, Münchenerstraße« von 1906
[6] Blick auf den Viktoria-Luise-Platz 1908
[7] Der Viktoria-Luise-Platz 1975, vor der Wiederherstellung
[8] Der Viktoria-Luise-Platz im Jahr 2000
Angaben zu genutzten Quellen, Autorenschaft und Impressum:
Literaturhinweise
Landesdenkmalamt Berlin: »20 Jahre Gartendenk-
malpflege in der Metropole Berlin«, Berlin 1999;
Anke Kuhbier: »Berlin Grün – Historische Gärten und
Parks der Stadt«, Berlin 2000; Susanne Twardawa:
»100 Jahre Viktoria-Luise-Platz«, Berlin 2000

