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Ansicht Gedenktafel Überschreibung Eugen Gomringer
Ansicht Gedenktafel Überschreibung Eugen Gomringer - Bild 1
Ansicht Gedenktafel Überschreibung Eugen Gomringer - Bild 2

Überschreibung Eugen Gomringer

Map Alice-Salomon-Platz 5

avenidas
avenidas y flores
flores
flores y mujeres
avenidas
avenidas y mujeres
avenidas y flores y mujeres y
un admirador

mit diesem gedicht aus spanischen wörtern
begründete der bolivianisch-schweizerische
dichter eugen gomringer 1953 eine neue lyrische
gedichtstruktur, eine konstellation. sie wurde
vorbild für die konkrete poesie, als deren pionier
eugen gomringer international anerkannt ist.
im jahr 2011 erhielt er den lyrik-preis der ash.
zu seiner ehre und aufgrund der bedeutung
der neuen gedichtstruktur wurde das gedicht
„avenidas" an die wand der hochschule
angebracht. es zählt seit vielen jahren im
deutschunterricht zum kreativen umgang mit
konkreter poesie.

2016 jedoch bewog es studentinnen des
asta der ash, sich in einem offenen brief an
die hochschulleitung darüber zu beklagen,
dass dieses gedicht angesichts alltäglicher
situationen, in „denen frauen* sich nicht immer
wohl fühlen können" wie „eine farce" wirke,
„eine erinnerung daran, dass objektivierende
und potenziell übergriffige und sexualisierende
blicke überall sein können" und das gedicht
deshalb von der wand entfernt werden solle.

diese stellungnahme einiger studentinnen wird
landesweit, u.a. von der akademie der künste
berlin, als ein eingriff in die künstlerische freiheit
empfunden. dennoch hat der brief bewirkt, dass
die hochschule über eine neugestaltung der
fassade abstimmen ließ mit dem ergebnis, das
gomringer-gedicht zu übermalen.
Eugen Gomringer, Mai 2018

ÜBERSCHREIBUNG
Ein Gedicht mit Vorgeschichte: ein Gedicht an einem Ort, an dem davor ein anderes
Gedicht stand, um das eine Geschichte entstand, die sehr verschieden erzählt wurde
als öffentliche Debatte. Was eigentlich passt, weil auch der Ort ein öffentlicher ist.
Das neue Gedicht ist ein Teil dieser Geschichte, es macht nicht Schluss damit, nur eine wei-
tere Schicht: aus dem Gedicht davor ist ein Gedicht dahinter geworden. Durch die Schrift
lässt sich in die Zeit sehen: das Aktuelle erinnert das Vorherige, nimmt es auf,
löscht es nicht aus. An einem Ort, sagt das Gedicht so, kann's mehr als eines geben oder einen;
möglich ist vieles — Wohin erinnern Sie sich? Wofür und wem geben Sie Raum? Und wer,
sagen Sie, hätte nichts zu sagen? Das Gedicht wendet sich an die Öffentlichkeit,
an die Vielen, die den Ort täglich passieren: es begrüßt sie ausdrücklich, es gäbe ihnen
gern Verschiedenes zu denken. Und sollte Ihnen daran etwas spanisch vorkommen
und so nicht korrekt, könnte es sich vielleicht auch um eine andere Sprache handeln
Katalanisch z. B.?
Barbara Köhler, Alice Salomon Poetik Preisträgerin 2017

Die zwei Gedenktafeln bilden eine Sinneseinheit und wurden 2018 nach Sanierung an der Fassade der Alice Salomon Hochschule angebracht. Der Einweihung voraus ging eine Debatte um die Neugestaltung der Fassade, seit 2011 war dort das Gedicht „avenidas“ von Eugen Gomringer zu sehen. Nach einer öffentlichen Kritik Studierender der ASH über die Objektivierung von Frauen in der Poetik Gumringers wird an selber Stelle seit 2018 ein Gedicht der Poetik-Preisträgerin Barbara Köhler gezeigt. Das neue Gedicht nimmt die vorausgegangene Debatte um die Neugestaltung der Fassade inhaltlich auf und integriert einzelne Buchstaben aus Eugen Gomringers Gedicht „avenidas“ als Auslassungen in den neuen Text.

Das Gedicht „avenidas“ wurde gleichzeitig auf einer 1 × 1,4 Meter großen Edelstahltafel im Sockelbereich der Fassade neu angebracht. Ergänzend befinden sich dort ein von Eugen Gomringer verfasster Kommentar, ein Hinweis auf die Dokumentation zentraler Beiträge der Fassadendebatte auf der Website der Alice-Salomon-Hochschule Berlin sowie eine zweite Edelstahltafel mit einem Kommentar Barbara Köhlers. 

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