Neustädtischer Kirchplatz
Map Neustädtische Kirchstraße / Dorotheenstraße
Die Dorotheenstadt
Die Bevölkerung der Stadt Berlin wuchs
im 17. Jahrhundert so erheblich, dass meh-
rere Vorstädte angelegt wurden. Kurfürstin
Dorothea (1636-1689), die zweite Gemahlin
von Friedrich Wilhelm I. (1620-1688), grün-
dete ab 1670 außerhalb der Befestigungsan-
lagen im ehemaligen Tiergarten eine Stadt-
erweiterung. Die Siedlung, einfach Neustadt
genannt, wurde über einem rechtwinkligen
Straßenraster mit regelmäßigen Parzellen
angelegt. Sie reichte von der Straße Unter
den Linden im Süden über die Mittelstraße
bis zur Letzten Straße, der heutigen Doro-
theenstraße, im Norden. Im Osten begann
sie westlich des Kupfergrabens und reichte im
Westen ursprünglich bis an die frühere Wall-
straße, die heutige Schadowstraße, heran.
Die Neustadt wuchs so schnell, dass man sie
bereits 1674 mit eigenständigen Stadtrechten
ausstattete. Zu Ehren der Gründerin erhielt
sie 1681 den Beinamen Dorotheenstadt. Im
Jahr 1710 wurde die Dorotheenstadt mit den
Städten Berlin, Cölln, Friedrichswerder und
Friedrichstadt zur „Königlichen Haupt- und
Residenzstadt“ Berlin zusammengefügt. Ab
1732 wurde entlang der Straße Unter den
Linden das Areal bis zum Brandenburger Tor
einbezogen. Im Verlauf des 18. Jahrhunderts
erweiterten sich die besiedelten Flächen bis
an das Brandenburger Tor im Westen und
bis an die Spree im Norden.
Die Neustädtische Kirche
Die Bewohner der Neustadt hielten ihre Got-
tesdienste zunächst im Freien oder in priva-
ten Wohnhäusern ab, ehe 1687 ein eigenes
auf dem Neustädtischen Kirchplatz errichte-
tes Gotteshaus geweiht wurde. Die Neustäd-
tische Kirche gilt als erster Kirchenneubau
Berlins nach der Reformation und wurde in
Form eines gleicharmigen Kreuzes errichtet
sowie mit Seitenkapellen in den Zwickeln
versehen. Sie besaß zu dieser Zeit keinen Glo-
ckenturm, neben der Kirche stand ein Gerüst
mit den Kirchenglocken. Die Neustädtische
Kirche wurde zunächst von der lutherischen
und der reformierten Kirche genutzt, ab 1688
auch von der wachsenden französischen Ge-
meinde.
Zu der Kirche gehörte ein Friedhof, dessen
Mauer auf der Innenseite mit Linden be-
pflanzt war. Der Kirchhof war für seine vie-
len künstlerisch anspruchsvollen Grabmäler
bekannt, darunter die Ruhestätten von Rut-
ger von Langerfeld (1635-1695), Michael
Smids (1626-1692), Karl August Fürst von
Hardenberg (1750-1822), Johann Arnold
Nering (1659-1695), Anna Dorothea Ther-
busch (1721-1782) oder von Alexander von
der Mark (1779-1787), dem 8-jährigen ille-
gitimen Sohn König Friedrich Wilhelm II.
(1747-1797). Dessen von Johann Gottfried
Schadow (1764-1850) geschaffenes Grabmal
steht heute in der Alten Nationalgalerie.
Aus einem ehemaligen Reitweg im Süden
der Neugründung, der das Schloss mit dem
Tiergarten verband, entstand die Promenade
Unter den Linden. Besonders an ihrem öst-
lichen Teil wohnte bald die wissenschaftliche
und künstlerische Elite. Im Norden der Do-
rotheenstadt lebten dagegen anfangs haupt-
sächlich Handwerker, später wuchs der An-
teil der Wohlhabenden.
Zwischen 1861-1863 entstand deshalb ein
repräsentativer Kirchenneubau. Auf den vor-
handenen Fundamenten wurde eine drei-
schiffige neoromanische Kirche errichtet,
mit Chor und Apsis im Osten sowie einem
angesetzten Turm im Westen. Das Turmfun-
dament bestand aus Kalkstein. Nach Norden
und Süden gab es offene Hallen. Bei einem
weiteren Umbau 1902/03 wurde statt der
Holzdecke ein Gewölbe aus Backsteinen ein-
gezogen, beiderseits der Apsis entstand je eine
Kapelle. Die Dorotheenstadt erlitt während
des 2. Weltkrieges schwere Schäden, auch die
Kirche wurde getroffen und brannte aus. Die
Ruine wurde 1965 abgetragen und der Fried-
hof eingeebnet. Bis zur Umgestaltung im Jahr
2011 erfolgte die Nutzung als Parkplatz.
Neuentwicklung
Im Zusammenhang mit den Planungen für
das Parlaments- und Regierungsviertel wur-
de entschieden, auf dem ehemaligen Doro-
theenstädtischen Kirchhof eine öffentliche
Grünfläche anzulegen. Grundlage für die
Neugestaltung bildet der Entwurf der Land-
schaftsarchitekten WES & Partner, Berlin,
die im Jahr 2008 den ersten Preis in einem
Wettbewerb zur zukünftigen Platzgestaltung
erhielten. Die Einweihung des neuen Platzes
fand im Mai 2011 statt. In Anlehnung an die
historische Situation erfolgte im Westen des
Areals die Bebauung mit einem Wohn- und
Geschäftshaus.
Die archäologischen Ausgrabungen
Die für die Platzgestaltung erforderlichen
Erdbewegungen wurden archäologisch be-
gleitet. Neben Resten der Bebauung konnten
auch 159 Gräber untersucht werden. Die
Fundamente der Neustädtischen Kirche wa-
ren noch gut im Boden erhalten, die ober-
tägigen Fußböden waren jedoch komplett
zerstört. Die Fundamente aus Kalkstein bil-
den einen annähernd quadratischen Grund-
riss mit einem rechteckigen Chor im Osten.
Die bereits erwähnte Gliederung des aufge-
henden Baukörpers in einen kreuzförmigen
Zentralbau mit vier Seitenkapellen wurde
in den Fundamenten nicht wiederholt. Die
Dachlast wurde von vier Säulen getragen, eine
der Säulen konnte bei den Untersuchungen
nachgewiesen werden.
Die nach dem Brand 1902/03 vorgenomme-
nen Baumaßnahmen konnten nachgewiesen
werden, so die Fundamente aus Backstein für
die neuen Seitenkapellen und die Nordwand
wie der Einbau einer neuen Heizungsanlage
unter dem Chor. Außerdem wurden insge-
samt sieben aus Backsteinen gesetzte Röhren-
brunnen vorgefunden. Überraschend war die
geringe Tiefe der Brunnenröhren, die einen
Grundwasserabfall um mehr als einen Meter
im letzten Jahrhundert belegen.
Der Friedhof war von einer massiven Mauer
umgeben, die im Norden mit grob behaue-
nen Kalksteinen sowie im Süden mit älterem
Kalkstein- und jüngerem Backsteinmauer-
werk fundamentiert war. Sie reichte im Os-
ten bis in die Neustädtische Kirchstraße hi-
nein, die erst im 20. Jahrhundert verbreitert
wurde.
Das Friedhofsareal war vermutlich in einzel-
ne Grabstellen eingeteilt, in denen die Gräber
in mehreren Lagen dicht übereinander lagen,
während die Zwischenräume nicht oder nur
selten genutzt wurden. Die obersten Bestat-
tungen lagen bereits in 30-35 cm Tiefe unter
der heutigen Oberfläche. Die Gründung der
Neustadt fiel in eine Periode mit sehr tief
liegendem Wasserspiegel, was die Besiedlung
des ehemaligen Vorwerks sicherlich begüns-
tigte. Bald nach der Einweihung der Kirche
scheint aber ein Grundwasseranstieg einge-
setzt zu haben, der die Anlage tieferer Gräber
verhinderte.
Die meisten Begräbnisse waren zwischen
dem späten 17. und dem frühen 19. Jahr-
hundert angelegt worden. Die Toten waren
alle gemäß dem christlichen Grabritus in ge-
streckter Rückenlage mit Blick nach Westen
niedergelegt worden. Die Arme lagen entwe-
der parallel zum Körper oder sie waren auf
dem Bauch gekreuzt.
Die Toten wurden regelhaft in Holzsärgen be-
stattet, häufig war das Holz als faserige oder
torfige Spur erhalten geblieben. Die Särge
besaßen einen doppelkonischen Querschnitt
und wurden mit Deckeln mit abgewalmten
Schmalseiten verschlossen.
Die meisten Bestatteten dürften nur ein
Leichenhemd getragen haben, wie die Fun-
de von knöchernen Knöpfen oder metal-
lenen Haken im Halsbereich nahelegen.
Zwei Manschettenknöpfe stammten aller-
dings von einem aufwändigeren, höfischen
Gewand. Vier massiv gegossene Bronzeknöpfe
dürften zu einer Uniformjacke gehört haben.
Historischer Gebäudebestand
Trotz der Kriegszerstörungen ist der histori-
sche Stadtgrundriss des späten 17. Jahrhun-
derts im Wesentlichen erhalten geblieben.
Dagegen lässt sich die ursprüngliche Parzel-
lierung und Bebauung nur noch an weni-
gen Beispielen ablesen. Neben dem ehemals
von der amerikanischen Botschaft genutz-
ten Gebäude östlich des Platzes befinden
sich in der näheren Umgebung das frühere
Postscheckamt mit dem historischen Portal,
heute genutzt vom Presse- und Informati-
onsamt der Bundesregierung sowie das Haus
des Hofbildhauers Johann Gottfried Scha-
dow (1764-1850), eines der letzten Wohn-
häuser aus dem frühen 19. Jahrhundert. Das
Vorderhaus wurde 1850-53 um ein Geschoss
aufgestockt und erhielt seine heutige, spät-
klassizistische Fassade.
Diese blaue Informationstafel geht zurück auf eine Idee des Landesdenkmalamts. Weitere Tafeln desselben Designs existieren im gesamten Stadtraum Berlins. Die Tafeln sind gerahmt von einem Stahlgestell, die Texte und Bilder befinden sich auf einer beschichteten Kunststoffplatte.
Die Bildunterschriften entsprechend der Einbettung im Fließtext lauten:
[1] Ausdehnung der besiedelten Fläche um 1757, Plan de
la Ville de Berlin, nach Günther Schulz
(Schmettauplan), gesüdet (Landesarchiv Berlin)
[2] Luftbild, genordet, überlagert mit Grundriss Kirche
(Quelle: Geoportal Berlin, DOP20RGB, Bildflug
vom 30.3.2014. Grundriss aus Plan Nr. 6 Befunde
Kirche, Archäo Kontrakt Berlin, 2013)
[3] Ansicht der Neustädtischen Kirche, 1757. Die König-
liche Residenz Berlin, nach Günther Schulz
(Landesarchiv Berlin)
[4] Johann Gottfried Schadow, Grabmal des Prinzen
Alexander von der Mark, Alte Nationalgalerie Berlin
(Foto: Andreas Praefcke, Febr. 2006)
[5] Neustädtische Kirche, 1887 (Archiv Landesdenkmal-
amt Berlin)
[6] Dorotheenstädtische Kirche, Gesamtansicht Innenraum
zum Chor nach Nord-Ost, um 1887 (Landesarchiv Berlin)
[7] Ruine der Neustädtischen Kirche, August 1950
(Foto: Illus Kümpfel, Bundesarchiv)
[8] Grabbeigaben (Foto: Archäo Kontrakt, 2010)
[9] Fundamente des Chors der Neustädtischen Kirche
von Norden (Foto: Archäo Kontrakt, 2010)
Angaben zu genutzten Quellen, Autorenschaft und Impressum:
Impressum:
Fachbehörden
Landesdenkmalamt Berlin, Baudenkmalpflege
Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt
Idee, Konzept, Text und Bildauswahl
Archiv Kontrakt Berlin
DSK-Deutsche Stadt- und Grundstücksentwicklungsgesellschaft,
Berlin
Redaktion
DSK-Deutsche Stadt- und Grundstücksentwicklungsgesellschaft,
Berlin in Zusammenarbeit mit Landesdenkmalamt Berlin und
Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt
Layout
HORTEC. Berlin
ringkamp kommunikationsdesign
Literaturhinweis
Stechow, Reinhard: Geschichte der Dorotheenstädtischen Kirche
und Gemeinde zur Feier des 200-jährigen Kirchen-Jubiläums.
Berlin 1887


