Marion-Gräfin Dönhoff-Platz
Map Leipziger Straße / Jerusalemer Straße
„Vielleicht ist das der höchste Grad der Liebe: zu lieben ohne zu besitzen."
Der ehemalige Dönhoffplatz trägt heute den Namen Marion-Gräfin-Dönhoff-Platz.
Marion Dönhoff war Chefredakteurin und Herausgeberin der Wochenzeitung DIE ZEIT. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat sie sich für die Würdigung des Widerstandes gegen Adolf Hitler, die Entwicklung eines seriösen Journalismus und für die Aussöhnung mit Osteuropa eingesetzt.
Geboren am 2. Dezember 1909 in Friedrichstein/Ostpreußen
1935 Promotion in Basel
1938 Übernahme der Verwaltung des Familienbesitzes in Ostpreußen
1945 Flucht zu Pferd nach Westen
1946 Eintritt in die Redaktion der ZEIT
1955 Ressortleiterin für Politik sowie stellvertretende Chefredakteu- rin der ZEIT
1968 Chefredakteurin der ZEIT 1970 Unterstützung der Ostpolitik der Regierung Brandt
1971 Friedenspreis des Deutschen Buchhandels
1973 Herausgeberin der ZEIT
1999 Ehrenbürgerin Hamburgs
Gestorben am 11. März 2002 auf Schloß Crottorf/Friesenhagen
Marion Dönhoff wurde in eine traditionsreiche Familie geboren. Ihr Vater war Diplo-
mat, Mitglied des preußischen Herrenhauses und Kunstsammler, ihre Mutter war Pa-
lastdame der Kaiserin. Seit ihrer Jugend war sie mit den Schwierigkeiten der
deutsch-polnischen Beziehungen und Osteuropas vertraut. Sie erlebte den Fall der
von ihren Eltern geschätzten Monarchie und den Kampf um die Weimarer Demokra-
tie, an deren Ende der Übergang zur Naz-Diktatur stand. Marion Dönhoff hielt den-
jenigen Freunden und Verwandten die Treue die später das Attentat gegen Adolf
Hitler am 20. Juli 1944 mit vorbereiteten. Während des Krieges leitete sie die Fami-
Liengüter.
Nach ihrer Flucht begann die promovierte Volkswirtin, den Widerstand gegen Hitler
als Leitbild der jungen Bundesrepublik und Bundeswehr zu etablieren – zu der Zeit,
als viele Deutsche die Attentäter um Claus Schenk Graf von Stauffenberg noch als
Verräter ansahen. Es gelang ihr, als Journalistin bei der Wochenzeitung DIE ZEIT
einen neuen liberalen Kurs durchzusetzen.
Als Chefin des Poitikressorts förderte sie die politischen Reformen der 1960er Jahre.
Der Austausch mit Bekannten in aller Welt, u.a. in Polen, Russland, Südafrika, den
USA und in Großbritannien, half, DIE ZEIT als liberales Leitmedium der Bundesre-
pubilk zu etablieren. 1968 wurde sie Chefredakteurin. Sie war damit die erste Frau
in Deutschland, die in eine solche herausragende Position einer überregionalen Wo-
chenzeitung aufrückte.
Als Chefredakteurin setzte sie sich zusammen mit dem damaliger Kanzler Willy
Brandt für die neue Ostpolitik und die Aussöhnung mit Polen ein. Sie plädierte
dafür, die deutschen Ansprüche auf Ostpreußen und die sog. Ostgebiete endgültig
aufzugeben und die Grenzen mit Polen anzuerkennen. Sie schrieb: „Vielleicht ist das
der höchste Grad der Liebe: zu lieben, ohne zu besitzen." Später unterstützte sie zu-
sammen mit Helmut Schmidt die Normalisierung der Beziehungen zwischen West-
und Ost-Deutschland. Bis ins hohe Alter engagierte sie sich gegen die Apartheid in
Südafrika, für die Resozialisation von Strafgefangenen und für die kritische Ausei-
nandersetzung mit der preußisch-deutschen Geschichte.
Der Dönhoffplatz gestern und heute
Lage und Form des heutigen Platzes gehen - bis auf eine
leichte Begradigung und Verschiebung - auf den im 18.
Jahrhundert etablierten Dönhoffplatz zurück. Im Folgen-
den wird erklärt, warum der Platz seinen Namen erhielt,
ihn 1975 verlor und warum er 2010 neu benannt wurde.
Die Benennung eines Platzes nach einem Adligen, der
nicht Mitglied der königlichen Familie war, war für das 18.
Jahrhundert ungewöhnlich. Der Platzname war ein Zei-
chen für den Rang der Dönhoffs im frühen Königreich
Preußen. Die Dönhoffs waren im Mittelalter aus Westfa-
len nach Livland und Polen ausgewandert und hatten sich
im 17. Jahrhundert im Herzogtum Preußen etabliert. Die
Nachkommen des Grafen Friedrich von Dönhoff mehrten
den Einfluss der Familie. Sein Sohn Alexander von Dön-
hoff diente als Generalmajor und spielte eine wichtige
Rolle im sogenannten Katte-Prozess. Nach der Stadter-
weiterung von 1734 begann Alexander Dönhoff am „Gro-
ßen Marckt" Wohnhäuser zu errichten. Dabei diente ihm
der Platz als Exerzierplatz für sein Infanterieregiment. Er
urde in den 1740er Jahren nach ihm benannt.
Im Laufe des 18. Jahrhunderts wurden an der Leipziger
Strasse zahlreiche Adelspalais errichtet. Das bekannteste
Gebäude am Dönhoffplatz war das Palais Hardenberg.
Nach 1848 zog der Preußische Landtag in das Gebäude
ein. Das Bild oben zeigt den alten Platz mit dem Palais
Hardenberg. Das Bild unten zeigt den heutigen Platz. Die
Spittelkolonaden stehen erst seit 1979 auf dem Platz. Die
Nachbildungen der Kolonnaden und der Postsäule sollten
der Leipziger Straße mit den modernen Hochhäusern his-
torisches Kolorit verleihen.
Vom Kaiserreich zur Hitler-Diktatur
Im Preußischen Landtag am Dönhoffplatz kam es zwi-
schen 1859 und 1866 zu einem Streit zwischen fortschritt-
lichen Liberalen, Adel und König um die von der Krone
geforderte Reform des Heeres, dem Verfassungskon-
flikt. Die Abgeordneten befürchteten, dass die Abschaf-
fung der Landwehr den König stärken und das Parlament
schwächen würde. Dieser Konflikt wurde von Otto von
Bismarck mit einem Budgettrick gelöst. Die Berliner Libe-
ralen unterstrichen die Forderungen mit der Aufstellung
des Denkmals des Freiherrn vom Stein. Die Errichtung
des Standbildes wurde vom König um mehrere Jahre bis
1875 verzögert. 1907 wurde auf dem Dönhoffplatz ein
Denkmal für Fürst Hardenberg errichtet, das dem Stein-
Denkmal symbolisch den Rücken stärkte. Der Kampf um
die parlamentarische Demokratie am Dönhoffplatz war nur
teilweise erfolgreich. Das Kaiserreich blieb ein autoritärer
Staat
Im späten Kaiserreich propagierten Vereinigungen wie die
Alldeutschen verstärkt antisemitische Ideen. In der Wei-
marer Republik radikalisierte die Sturmabteilung der Na-
tionalsozialisten diesen völkischen Antisemitismus.
Jüdische Burger wurden Opfer von Überfällen. Jüdische
Geschäfte und Warenhäuser wurden demoliert. Der Boy-
kott jüdischer Geschäfte nach der Machtübernahme
durch Hitler traf besonders den Dönhoffplatz, da mit „Her-
mann Tietz" das damals größte Warenhaus Europas dort
ansässig war. Das Bild zeigt das Warenhaus Tietz am
Dönhoffplatz mit seiner berühmten Leuchtreklame. Es
wurde 1934 von den Nationalsozialisten "arisiert".
Die nationale Frage im geteilten Deutschland
Die Alliierten sahen nach 1945 im preußischen Militaris-
mus die Ursache für zwei Weltkriege. Der Allierte Kon-
trollrat löste Preußen auf und ordnete an, militärische
Denkmäler abzuschaffen. Die Deutsche Demokratische
Republik (1949-90) ging über diese Anordnung hinaus
und brachte auch Denkmäler von Adligen ins Depot, die
nicht mehr in das neue sozialistische Ost-Deutschland zu
passen schienen. Das Denkmal Hardenbergs ver-
schwand. Allerdings machte die DDR in Berlin eine Aus-
nahme: Freiherr vom Stein am Dönhoffplatz wurde als
„Kronzeuge“ für die deutsch-sowjetische Freundschaft be-
nutzt. Am Stein-Denkmal forderte die DDR die deutsche
Wiedervereinigung unter sozialistischer Führung. Bei der
Feier zum 200. Geburtstag Steins 1957, die auf dem Bild
oben zu sehen ist, wurde die DDR als Erfüllung der „in-
nersten Wünsche“ Steins gepriesen.
Nach der Unterzeichnung des Grundlagenvertrages mit
der Bundesrepublik 1972 wollte die DDR nicht an ihre ei-
gene nationale Propaganda der 1950er Jahre erinnert
werden. Moskau forderte von Ost-Berlin, sich stärke in
den Ostblock einzufügen. Am Dönhoffplatz wurde das
Stein-Denkmal abgebaut und der Platz verlor 1975 sei-
nen Namen. Im Zuge der Neubebauung der Leipziger
Strasse empfahl der Parteichef Erich Honecker dem Che-
farchitekten Ost-Berlins, Roland Korn, die Nähe zu Mos-
kau zu unterstreichen. (Bild) Die DDR ließ das Denkmal
Steins durch den alten Meilenstein nach Potsdam er-
setzen und behauptete, diese zeige nun auch den Weg
nach Moskau an.
Vom Exerzierplatz zum zivilen Erinnerungsort
Nach der Wiedervereinigung wollten die Anwohner des
Platzes an die Leistungen Marion Dönhoffs für die Aus-
söhnung mit Osteuropa und ihr Eintreten für einen demo-
kratischen Journalismus erinnern. Die Bezirksver-
ordnetenversammlung Mitte von Berlin beschloss 2010,
den seit 1975 namenlosen Platz Marion-Gräfin-Dönhoff-
Platz zu nennen. Mit der Umbenennung ist daher aus
einem Exerzierplatz im Königreich Preußen ein ziviler Er-
innerungsort des vereinigten Deutschland geworden.
English Summary: Marion Dönhoff and Willy Brandt
This square has been named the Marion-Gräfin-Dönhoff-Platz. The
City of Berlin honours one of the close friends of its former mayor
Willy Brandt (picture above). Marion Countess Doenhoff was
brought up in East Prussia and fled the family estate at the end of
the Second World War. In 1968, she became the editor-in-chief of
West Germany's prestigious weekly DIE ZEIT and supported the
new Ostpolitik of the then Federal Chancellor Willy Brandt. Ostpo-
litik improved relations with Poland, the Soviet Union and the East
German GDR in the 1970s and 80s. Her public commitment to ac-
cept the borders with Poland once and for all and to give up claims
to her former „Heimat” has impressed many of her German, British,
American, Polish and Russian friends, among them Henry Kissin-
ger and Mikhail Gorbachev.
Unten rechts auf der Gedenktafel ist ferner vermerkt:
Danksagung und Copyright
Die Texte dieser Gedenktafel sind mit freundlicher Genehmigung zum Teil den folgenden bei-
den Publikationen entnommen: Christian Haase und Jom Kreuzer, Der Streit um das Erbe der Befreiungskriege am Donhoffplatz, 2011, eprints.nottingham.ac.uk/1438 sowie C. Haase
und Axel Schildt (Hrsg.): DIE ZEIT und die Bonner Republik (Göttingen: Wallstein, 2008). Zur Geschichte des Plazes siehe auch: Landesdenkmalamt Berlin, Initiative Denkmal Hardenberg
(2007).
Bildrechte: Landesarchiv Berlin, Bundesarchiv, Ingrid von Kruse und Klaus Kallabis
für die Karte von "Berlin 1:5000: GeoBasis-DE/SenStadt III (2010). Die Autoren der Tafel (Haase/Kreuzer) danken der Marion-Donhoff-Stiftung, der Universitat Nottingham, der Gedenk- tafelkommission der BVV Mitte, dem Landesdenkmalamt und der IG Leipziger Str./Krausenstr.

