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Margarethe von Witzleben

22. Februar 1853 - 1. Februar 1917

Tieckstraße 17

In diesem Hause fand zu Pfingsten 1901
in der Wohnung von
MARGARETHE von WITZLEBEN
(22. Februar 1853 - 1. Februar 1917)
der erste Gottesdienst für Schwerhörige statt.
Selbst schwerhörig, gab sie den Anstoß
für die Schwerhörigenbewegung.

Die rötlichbraune Bronzetafel mit nur schwach hervorgehobener Schrift befindet sich in der ersten Etage zwischen dem ersten und dem zweiten Fenster von links und ist kaum wahrnehmbar und nur schwer zu lesen. Enthüllt wurde sie am 21. Februar 2003 in Anwesenheit von u.a. Dr. med. Harald Seidler (Margarethe-von Witzleben-Gemeinschaftsstiftung) und Bezirksbürgermeister Joachim Zeller. Über dem Portal (Durchfahrt) des Hauses steht „Pfarr- und Gemeindehaus der Golgatha-Gemeinde“.

Margarethe von Witzleben (1853–1917) entstammte einem thüringischen Adelsgeschlecht. In ihrer Kindheit verlor sie ihr Hörvermögen und wurde schwerhörig. Sie widmete ihr Leben der Unterstützung sozial benachteiligter Frauen und Kinder und leitete zeitweise ein Erholungsheim für Arbeiterinnen. 1894 gründete sie in Berlin eine Haushaltsschule für junge Frauen und beschäftigte sich unter anderem mit gesunder Ernährung. Aufgrund ihrer fortgeschrittenen Schwerhörigkeit musste sie ihre Lehrtätigkeit jedoch aufgeben.

Sie engagierte sich fortan v. a. für die Bedürfnisse hörgeschädigter Menschen, die aufgrund ihrer Einschränkung oftmals von Armut und Einsamkeit bedroht waren. Als gläubige Christin hielt sie 1901 in ihrer Wohnung in der Tieckstraße 17 zum ersten Mal einen Gottesdienst für Hörgeschädigte ab: "In unserem lieben Berlin mit seinen schönen Kirchen, deren Glockentürme Tausenden von Andächtigen zum Gottesdienst locken, gibt es eine große Schar von Gemeindemitgliedern, die zwar sehnliches Verlangen tragen, dem Glockenruf zu folgen, aber sie vernehmen weder das Geläut, noch vermögen sie die Worte des Predigers zu verstehen." (zitiert nach: Anja Kittlitz: "Andershörend". Die lebensweltliche Konstruktion des Schwerhörigseins. Ein Beitrag aus kulturwissenschaftlicher Sicht, München 2021, S. 36). Aus dieser Veranstaltung ging die erste Schwerhörigen-Selbsthilfe-Bewegung der Welt hervor. 1909 gründete Margarethe von Witzleben dann den Hephata-Verein, der sich für die Schulbildung hörgeschädigter Kinder sowie für die Integration der aufgrund ihrer Einschränkung aus dem Kultur- und Sozialleben ausgeschlossenen Menschen einsetzte.

Margarethe von Witzleben starb 1917 im Alter von 63 Jahren nach kurzer Krankheit und wurde auf dem Friedhof in Wilmersdorf begraben. Das Grab wird heute als Ehrengrab der Stadt Berlin gepflegt. Ihr Engagement wirkt bis heute nach. Der von ihr gegründete und durch ihr Erbe finanzierte Verein, heute der Deutsche Schwergehörigenbund mit Sitz in Berlin, ist die größte Hörgeschädigten-Selbsthilfeorganisation Deutschlands. In Berlin trägt seit 1997 das Schulzentrum für hörbehinderte Kinder und Jugendliche in Friedrichshain den Namen Margerethe-von-Witzleben-Schule.

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