zurück zur Suche

Hellmut von Gerlach

Mönchmotschelnitz Krs. Wohlau/Niederschlesien (Moczydlnica Klasztorna/Polen) 2.2.1866 - Paris 1. od. 2.8.1935

Genthiner Straße 48

AKTIVES MUSEUM
Faschismus und Widerstand in Berlin e.V.
Hier lebte von 1914 bis 1931
der Journalist, Politiker und Pazifist
HELLMUT VON GERLACH
2. Februar 1866 Mönchmotschelnitz - 1. August 1935 Paris
Der aus Schlesien stammende Jurist engagierte sich seit 1892 in
der Politik. 1898 trat er in die Redaktion der Berliner Zeitung
»Welt am Montag« ein, die er ab 1906 als Chefredakteur leitete.
Von 1903 bis 1907 gehörte er dem Reichstag an. 1918 setzte er
sich als Unterstaatssekretär im preußischen Innenministerium
für die deutsch-polnische und in seiner Zeitung außerdem für
die deutsch-französische Aussöhnung ein. 1920 entging er nur
knapp einem Attentat von Rechtsradikalen. Gerlach gehrörte zu
den Gründern der Deutschen Friedensgesellschaft und wurde
1926 Vorsitzender der Deutschen Liga für Menschenrechte. 1932
leitete er in Vertretung des inhaftierten Carl von Ossietzky die
»Weltbühne«. Im März 1933 emigrierte Hellmut von Gerlach
nach Paris.
5. Juni 2008

Enthüllt wurde die matte Acrylgalstafel am 5. Juni 2008 von Mitgliedern des Aktiven Museum Faschismus und Widerstand in Berlin e.V. aus Anlass des 25jährigen Bestehens des Vereins.

Von Gerlach kam aus einer konservativen, antisemitischen, christlich- und national-sozialen Vorstellungswelt. 1896 gründete er zusammen mit Friedrich Naumann den Nationalsozialen Verein und 1918 die Deutsche Demokratische Partei (aus der er 1922 wieder austrat). Dem Reichstag gehörte er für die Freisinnige Vereinigung an, die er 1908 wieder verließ und mit Gesinnungsgenossen (darunter Carl  von Ossietzky und Rudolf Breitscheid) die Demokratische Vereinigung begründete. Seine Flucht vor dem Nationalsozialismus führte ihn zunächst nach Österreich und auf Einladung der französischen Liga für Menschenrechte („Ligue des Droits de l’Homme”) nach Paris. Von dort aus warnte er publizistisch eindringlich vor den Gefahren des „Dritten Reichs”. Dem Pariser Tageblatt vom 3. August 1935 zufolge starb von Gerlach am 2. August („Helmuth von Gerlach - Einer der besten Kämpfer ist uns entrissen”). Eingeäschert wurde er am 9. August 1935 auf dem Friedhof Père Lachaise. Trauerredner waren Rudolf Breitscheid, Georg Bernhard (Chefredakteur des Pariser Tageblatts) und Victor Basch (Päsident der französischen Liga für Menschenrechte). Das Pariser Tageblatt veröffentlichte an diesem Tag einen „Epilog für Helmuth von Gerlach” von Alfred Kerr:

Verächter seiner Väter Sitte
Zog er in eine fremde Welt.
Der beste Mann in unsrer Mitte;
Ein unscheinbar ziviler Held.
Ihm galt das Sein mehr als das Scheinen,
sein Marsch ging gradhin sonnenwärts.
Das schlichte Glück der Schmucklos-Reinen
Floss durch sein hilfsbereites Herz.

Ich traf ihn jüngst. Noch schien er kräftig.
Es ist ja kaum sechs Wochen her.
Er ging (mehr sinnend als geschäftig)
Früh durch die
Avenue Kéber.
Wir Nachbarn gaben uns die Hände; Er kannte schon den dunklen Gast;
Er sprach (erstaunt!) vom nahen Ende,
Doch immer lächelnd und gefasst.

Und rief: „Ich bin mir heut im klaren;
Es kommt, wie’s kommt; was soll man tun?
Will jedenfalls nach
Moscia fahren,
bei Emil
Ludwig auszuruhn”.
Dann schritt er seine letzten Schritte, da schied... ein Kämpfer, gütevoll,
Der beste Mann aus unsrer Mitte,
Ein neuer Ritter - jeder Zoll.

1968 wurde die Urne mit seiner Asche nach Wiesbaden überführt.

Die Schreibung von von Gerlachs Vornamen findet sich in allen Varianten. Er selbst schrieb sich - zumindest in der „Weltbühne” - wie auf der Gedenktafel.

Von dem Nahe an der Kurfürstenstraße gelegenen Haus Genthiner Straße (damals Nr. 22) verzog von Gerlach noch nach Halensee in die Halberstädter Straße 2.

zurück