zurück zur Suche

Haus Moses Mendelssohn

Spandauer Straße 68

Haus Moses Mendelssohn
Denkmal von Micha Ullman
An diesem Ort stand das Haus Spandauer
Straße 68, in dem von 1762 bis 1786 der große
jüdische Gelehrte Moses Mendelssohn zusam-
men mit seiner Familie gewohnt hat.
1729 in Dessau geboren, ging er mit 14 Jahren
nach Berlin und arbeitete dort anfangs als
Schreiber und Privatlehrer, später war er Teil-
haber einer Seidenfabrik.
Er bezog das Haus nach der Heirat mit seiner
aus Hamburg stammenden Frau Fromet Gugen-
heim (1737-1812). Vor ihnen hatten bereits
die Aufklärer Johann Wilhelm Ludwig Gleim
(1719-1803), Karl Wilhelm Ramler (1725-1798),
Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781) und
Christoph Friedrich Nicolai (1733-1811) in dem
Haus gewohnt. Zusammen mit Moses und
Fromet Mendelssohn wohnten Hauslehrer, die
deren sechs Kinder unterrichteten.
Mendelssohn veröffentlichte philosophische
und literaturkritische Werke. Er übersetzte die
Tora, führte die Juden seiner Zeit an die deutsche
Sprache und die Kultur der Mehrheitsgesell-
schaft heran. In seiner Wohnung trafen sich
jüdische und christliche Gelehrte, Freunde und
Ratsuchende.
Mendelssohn hätte das Haus gerne erworben,
aber Hausbesitz war den meisten Berliner Juden
damals verwehrt.
Er starb 1786 hochgeehrt als berühmtester
Vertreter der jüdischen Aufklärung und Pionier
des modernen Judentums. Sein lebenslanger
Freund Lessing verewigte ihn in seinem Drama
„Nathan der Weise”.
Erst im Jahr nach seinem Tod konnte seine Witwe
das Haus kaufen. Moses ältester Sohn, Joseph,
begründete hier das Bankhaus Mendelssohn.
Nachfahren von Moses und Fromet leisteten
entscheidende Beiträge zur Wirtschaft, Wissen-
schaft und Kunst Deutschlands.
Zum hundertsten Geburtstag 1829 wurde am
Haus eine Marmortafel angebracht, die erste
öffentliche Ehrung
eines Bürgerlichen
in Berlin.
Das Haus wurde
1887 abgebrochen
und das Grundstück neu bebaut. Nach der
Zerstörung im Zweiten Weltkrieg wurde das
Grundstück in die Freifläche vor dem Fernseh-
turm einbezogen.
Das Original der Gedenktafel für Moses Mendelssohn befindet sich heute in einer
Dauerausstellung zur Familie Mendelssohn auf einem Friedhof am Halleschen Tor.
Weitere Informationen zur Familie Mendelssohn in Berlin unter www.mendelssohn.berlin

Moses Mendelssohn House
Memorial by Micha Ullman
MOSES MENDELSSOHN HOUSE Here stood the
building at Spandauer Straße 68, home to the
renowned Jewish scholar Moses Mendelssohn
and his family from 1762 to 1786.
Born in Dessau in 1729, Mendelssohn moved to
Berlin at 14, working first as a scribe and private
tutor, later becoming a shareholder in a silk factory.
He moved to this address after marrying Fromet
Gugenheim (1737-1812) of Hamburg.
The building had previously been home to
several figures of the Enlightenment: Johann
Wilhelm Ludwig Gleim (1719-1803), Karl Wilhelm
Ramler (1725-1798), Gotthold Ephraim Lessing
(1729-1781), and Christoph Friedrich Nicolai
(1733-1811). Moses and Fromet Mendelssohn
lived together with tutors who taught their six
children.
Mendelssohn published works of philosophy
and literary criticism. In translating the Torah,
he brought contemporary Jews closer to the
German language. His home was a meeting
place for Jewish and Christian scholars, friends,
and people seeking guidance.
Mendelssohn would have liked to buy the
building, but most of Berlin’s Jewish residents
were forbidden to own property.
He died in 1786, highly respected as the most
prominent member of the Jewish Enlightenment
and a pioneer of modern Judaism. Mendelssohn’s
life-long friend Lessing immortalized him in his
play ”Nathan the Wise.”
It was not until a year after Mendelssohn’s death
that his widow was able to buy the building.
Their eldest son, Joseph, founded the bank
Mendelssohn & Co. here. Descendents of Moses
and Fromet Mendelssohn have made vital
contributions to economic, scientific, and artistic
life in Germany.
On Moses Mendelssohn’s 100th birthday, a marble
plaque was mounted on the house reading: ”In
this house / Moses Mendelssohn / Lived and
created eternity” - it
was the first public
tribute to a citizen
of Berlin.
The buildind was
demolished in 1887 and the property rebuilt
soon after. Following the building’s destruction
during World War II, the land became part of
the open plaza in front of the TV tower.
Today the original memorial plaque to Moses Mendelssohn is part of a permanent
exhibition on the Mendelssohn Family at a cemetery near Hallesches Tor. Further
information on the Mendelssohn Family in Berlin is available at www.mendelssohn.berlin

Die lichte, gut zwei Meter hohe Stele steht etwas geschützt rechts neben dem Bodendenkmal an der südöstlichen Ecke von Spandauer Straße und Karl-Liebknecht-Straße. Sie zeigt auf jeder Seite neben dem Text übereinander vier Abbildungen. Zusätzlich ist in den unteren Teil des Textes eine Wiedergabe der seit 1829 über dem Eingang angebracht gewesenen Marmortafel einmontiert. Text und Redaktion lagen in den Händen von Dr. Benedikt Goebel, das Design der Tafel bei Helga Lieser.

Die Bildunterschriften auf der deutschsprachigen Inschriftseite:
Johann Bernhard Schultz: Vogelschauplan mit Markierung des
Areals der späteren Spandauer Straße 68 (Detail), 1688 Johann
Bernhard Schultz: Bird’s-eye view showing the site of Spandauer
Straße 68 (detail), 1688


J.G. Müller/J.C. Frisch: Portrait Moses Mendelssohn, 1787
J.G. Müller/J.C. Frisch: Portrait of Moses Mendelssohn, 1787

Fromet Gugenheim als junge Frau (1737-1812), um 1767
Fromet Gugenheim as ayoung woman (1737-1812), ca. 1767

Emil Salingré: Spandauer Straße 68, 1886 (Ausschnitt)
Emil Salingré: Spandauer Straße 68, 1886 (detail)


Die Bildunterschriften auf der englischsprachigen Inschriftseite:
Luftbild (Ausschnitt aus einem Schultafelbild) mit Markierung
der Spandauer Straße 33 (vor 1913 Nr. 68), 1928 | Aerial photo
(detail from a classroom poster) showing Spandauer Straße 33 (until
1913 no. 68), 1928


Abraham Pisarek: Spandauer Straße 33 (früher 68). Das zur NS-
Zeit entstandene Foto zeigt den Neubau von 1887. 1935
Abraham Pisarek: Spandauer Straße 33 (formerly 68). This Nazi-
period photo shows the 1887 construction, 1935

Abraham Pisarek: Die Nationalsozialisten entfernten am Hauserker
Spandauer Straße 33 den Schriftzug ‘Moses Mendelssohn’, 1935
Abraham Pisarek: In 1935 the National Socialists removed the plaque
reading „Moses Mendelssohn” on a bay window of Spandauer Straße 33.

Gerhard Hoffmann: Spandauer Straße Ecke Karl-Liebknecht-
Straße, 1977 | Gerhard Hoffmann: Corner of Spandauer Straße
and Karl-Liebknecht-Straße, 1977

Das Bodendenkmal wurde nach einem Foto der Frontseite des Hauses aus dem Jahr 1886 gestaltet von Micha Ullman. So findet sich auch über der Eingangstür im Denkmal eine Replik der Marmortafel. Die zwölf Fenster in drei Etagen sind dargestellt durch rechteckige dunkle in das Pflaster eingelassene Granitplatten, in denen sich bei Regen die Umgebung und der Himmel spiegeln. Für die Realisierung des Denkmals sorgte der Architekt Gerhard Schlotter. Initiatiiert wurde das Denkmal acht Jahre vor der Einweihung von der Mendelssohn-Gesellschaft e.V.

Auf der offiziellen Einweihungsfeier am Mittag des 14.6.2016 sprachen Kulturstaatssekretär Tim Renner, Senatsbaudirektorin Regula Lüscher, der Gründungsdirektor des Centrum Judaicum, Dr. Hermann Simon, der Vorsitzende der Mendelssohn-Gesellschaft André Schmitz, die Nachfahrin von Moses Mendelssohn in 8. Generation, Marie von Mendelssohn und der Schöpfer des Denkmals Micha Ullman (s. a. Programmplan im  Anhang).

zurück