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Gedenkort Rummelsburg

Hauptstraße 8

Das größte deutsche Arbeitshaus - Kaiserreich
und Weimarer Republik 1879-1933
An diesem Ort eröffnete die Stadt Berlin am 1. Oktober 1879
das Städtische Arbeitshaus Rummelsburg. Hier sollten soziale
Randgruppen wie Bettler, Obdachlose und prostituierte durch
körperliche Arbeit und „strenge Zucht" an ein „geordnetes und
gesetzmäßiges Leben” gewöhnt werden. Die Mehrzahl der Insassen
arbeitete in Hauswerkstätten sowie größtenteils auf den Berliner
Rieselfeldern und Stadtgütern für städtische Zwecke, das für 1000
Plätze ausgelegte Arbeitshaus war schnell überfüllt - teilweise mit
bis zu doppelt so viel Insassen. Die kasernenähnliche Anlage galt
für zwei Kategorien von Insassen: Die arbeitsfähigen „Korrigenden”
und alte, kranke oder pflegebedürftige „Hospitaliten”. Einweisungen
ins Arbeitshaus erfolgten im Anschluss an eine Haftstrafe. Sie wurden
zumeist von der Landespolizeibehörde auf Grundlage eines Gerichts-
beschlusses angeordnet. Die Dauer der Unterbringung konnte bis
zu zwei Jahren betragen.
Nach dem Ersten Weltkrieg verringerte sich die Zahl der Insassen
aufgrund von Kriegsfolgen, einer Amnestie sowie einer drastischen
Sparpolitik auf etwa 500 Menschen. Ebenfalls aus Kostengründen
wurden die Arbeiten auf den Rieselfeldern Anfang der 1930er Jahre
eingestellt. Auch die Einweisungen durch Gerichte bzw. Landes-
polizei nahmen stark ab. Arbeitshäuser galten als nicht mehr zeit-
gemäß. Vertreter von Fürsorgeeinrichtungen forderten, sie unter
dem Aspekt der Fürsorge zu Bewahranstalten mit langfristiger
Unterbringung umzuwandeln. Ein entsprechendes Bewahrungs-
gesetz kam jedoch wegen vieler offener Fragen nicht mehr zustande.

The Biggest German Workhouse: the German Empire and the
Weimar Republic (1879-1933)
It was here that the City of Berlin opened Germany’s largest work-
house on 1 October 1879. The barracks-like camp was designed to
accustom beggars, homeless people and prostitutes to leading an
”orderly life in accordance with the law”. They were committed to
the workhouse by the police after serving their prison sentences,
and could be confined here for as long as two years. At times, the
number of inmates doubled, reaching a total of 2,000. The majority
of them worked on sewage farms for municipal purposes.
After the First World War, the number of people accomodated
here dropped to about 500, due to the war and a severe austerity
policy. Furthermore, the workhouses were no longer considered
appropriate. Representatives of welfare institutions demanded that
they be transformed into detention homes providing long-term
accomodation.

Die kommunale Sammelanstalt für „Asoziale” -
Das Arbeitshaus Rummelsburg in der NS-Zeit
1933-1945
Unter den Nationalsozialisten wurde „asozial” zu einer Verfolgungs-
kategorie erhoben. Als „Asoziale” galten Menschen, die sich wegen
eines dauerhaften „Zustandes körperlicher, geistiger oder sittlicher
Unzulänglichkeit” nicht anpassten und insbesondere „wer verwahr-
lost ist oder zu verwahrlosen droht”. Das Landessozial- und Jugend-
amt wollte Rummelsburg zur Sammelanstalt für „Asoziale und
Gefährdete aller Art” machen.
1934 erhielt das Arbeitshaus zusätzlich die Funktion „Bewahrungs-
haus”, infolgedessen Arbeitsunfähige dauerhaft verwahrt werden
konnten. 1937 richtete die Arbeitshaus-Verwaltung „Sondergruppen”
für Homosexuelle, „psychisch Abwegige” sowie für Jüdinnen und
Juden ein.
Am 13. Januar 1941 wurden alle 30 jüdischen Insassen, 20 Männer
und zehn Frauen im Alter zwischen 18 und 82 Jahren, abtransportiert.
Sie wurden später in der Heilanstalt Bernburg, eine der Tötungsan-
stalten der NS-„Euthanasie”, ermordet. Ein Jahr später führte eine
Gutachterkommission eine ”Musterbegutachtung” unter allen knapp
1500 Insassen durch. 314 von ihnen wurden einstimmig zur Tötung
ausgewählt. Dazu kam es nicht mehr, da der Massenmord an den
europäischen Jüdinnen und Juden Vorrang hatte.
Während des Krieges leisteten die Insassen im erheblichen Maße
Zwangsarbeit für kommunale Zwecke: In 20 „Stadtkommandos”
arbeiteten sie in den Forsten, auf einem Friedhof, in einem Flussbad
oder in Parks sowie für lokale Industriebtriebe wie die Knorr Bremse
AG. Jugendliche schleppten Kohle im Kraftwerk Klingenberg.
Das größte Arbeitskommando im Arbeitshaus, die Großbäckerei,
belieferte mehr als 30 öffentliche Einrichtungen wie Krankenhäuser
mit Schrippen und Brot. Auch nach Kriegsende blieb Rummelsburg
zunächst ein Arbeitshaus.

The Municipal Sammelsanstalt (Institution) for ”Asocials” -
Rummelsburg Workhouse during the Nazi period (1933-1945)
Under the National Socialists, the term ”asocial” assumed the status
of a persecution category. By 1936, the number of inmates had
almost trebled. On 13 January 1941, 30 Jewish inmates, 20 men
and 10 women between the ages of 18 and 82 years were
transported to another location and, shortly after, murdered by gas
within the scope of the Nazi’s so-called Euthanasia Campaign. One
year later, experts decided to kill 314 inmates who were unfit to
work. This plan was not implemented, however, because the mass
murder of male and female European Jews had priority. During the
war, the inmates did a vast amount of forced labour, in- and outside
the institution, for communal purposes. A large bakery in the
workhouse supplied over thirty communal institutions - such as
hospitals - with rolls and bread.

Das Gefängnis Rummelsburg in der DDR
1951-1990
Seit April 1951 betrieb hier die Volkspolizei das zentrale Männer-
Gefängnis von Ost-Berlin. Rummelsburg war häufig überbelegt,
besonders nach dem Arbeiteraufstand am 17. Juni 1953 und nach
dem Bau der Mauer am 13. August 1961.
Unter den Gefangenen befanden sich viele wegen Eigentumsdelikten
straffällig gewordene Ostdeutsche. Politische Häftlinge aus der DDR
und dem Westen wurden wegen „staatsfeindlicher Hetze”, „staats-
feindlichen Menschenhandels” (Fluchthilfe) oder „ungesetzlichen
Grenzübertritts” (Republikflucht) verfolgt. Mit der Einführung der
Bestrafung von „asozialem Verhalten” wurde der Begriff „asozial”
1968 in das Strafrecht übernommen. Der Anteil der deshalb hier
inhaftierten Männern lag Anfang der 1980er Jahre bei über zehn
Prozent.
Die Unterbringung von Westdeutschen und Ausländern, etwa ein
Drittel aller Häftlinge, erfolgte strikt getrennt von den Anderen. Seit
1986 liefen Planungen, hier alle ausländischen Gefangenen der DDR,
darunter auch Westdeutsche und West-Berliner, zusammenzufassen.
Für viele Häftlinge war Rummelsburg eine Durchgangsstation in
andere DDR-Gefängnisse.
Der Alltag aller Häftlinge war gekennzeichnet durch wirtschaftliche
Ausbeutung bei schlechter Ernährung, hohem Arbeitsdruck und
Strafen bei Nicht-Erfüllung der Arbeitsnormen. Nutznießer waren
Staat und Industriebetriebe, darunter die Elektro-Apparate-Werke
Treptow, das Glühlampenwerk Narva „Rosa Luxemburg” und die
Großwäscherei Rewatex.
In der Nacht vom 7./8. Oktober 1989 wurden Hunderte Demons-
tranten stundenlang in einem Verwaltungshof festgehalten und
drangsaliert. Sie hatten während der offiziellen Feier zum 40. Jahres-
tag der Staatsgründung der DDR demonstriert. Noch im September
1990 protestierten Strafgefangene für eine umfassende Amnestie,
bevor das Gefängnis Ende November 1990 geschlossen wurde.

Rummelsburg Prison in East Germany (1951-1990)
It was here, from April 1951 on, that the East German ”People’s Police”
ran East Berlin’s main men’s prison. Among those convicted were
political prisoners as well as men sentenced for ”asocial behaviour”.
The East German state was alone in adopting the category ”asocial”
in its criminal code. One third of the inmates were West Germans,
West-Berliners and foreigners. From 1986 on, plans were drafted to
incarcerate all of East Germany’s foreign prisoners here. The prisoners’
daily lives were marked by economic exploitation - to the benefit of
the diverse state-owned industrial enterprises.
In the night of 7-8 October 1989, hundreds of demonstrators were
harassed here in an administrative court. They had participated in
demonstrations during the official celebration of the 40th anniver-
sary of the East German state.

Die drei hohen Säulen für die verschiedenen Zeitabschnitte markieren zugleich den Anfang des am 12.1.2015 eingeweihten Gedenkortes entlang der Friedrich-Jacobs-Promenade. Hauptredner war der Koordinator des Rundes Tisches, als dessen Ergebnis de Gedenkort entstad, Rainer Klemke.
Jeweils links neben den Texten sind übereinander sechs Foto zu sehen. Deren Bildunterschiften lauten (jeweils v.o.n.u.) In der Reihenfolge der Säulen:

„Häuslinge" auf dem Rieselgut Ostorf[!], 1907 / Inmates on Rieselgut Ostorf[!] estate
Arbeit auf dem Holzhof, um 1920 / Working in the wood yard
Weibliche Insassen bei Stopf- und Näharbeiten, um 1920 / Women inmates darning and sewing
Insassen beim Federnreißen, um 1920 / Inmates tearing the quill
Speisesaal im Arbeitshaus, um 1920 / The workhouse canteen
Männer-Schlafsaal, um 1920 / The mens’ dormitory

Arbeitskommando Schuhmacherwerkstatt / Shoemaker’s workshop commando
Arbeitskommando / Work commando
Weibliche Insassen zwischen Haus 4 und 5 / Women inmates between House 4 and 5
Weibliche Insassen unter dem Hitler-Bild/ Women inmates beneath Hitler’s photo
Männliche Insassen mit Anstaltsarzt und Aufseher / Male inmates with the asylum physician and a guard
Blick in einen Schlafsaal / A glance into a dormitory
Alle Aufnahmen für Prropaganda-Ausstellung,
„Die deutsche Gemeinde", 1935
All photographs taken for the propaganda exhibition
"The German Community", 1935

Verwaltungsgebäude und Eingang, 1990 / The administration building and the entrance
Hauptschleuse am Verwaltungsgebäude / The main gate to the administration building
Freistundenhof Untersuchungshaftanstalt, 1990 / The leisure yard at the remand home
Haus 6, mit Freistundenhof, 1990 / House 6 with the leisure yard
Arrestzellen Haus 6 / Arrest cells House 6
Entlassung von Häftlingen nach einer Amnestie, 1990 / prisoners are discharged following an amnesty, 1990

Weiter entlang der Promenade befinden sich sechs Dreiergruppen von kleineren Stelen mit Schicksalen einzelner Insassen, geordnet nach ihrem Status. Eine Kurzinformation zu ihnen findet sich auf dem Informationsflyer bei den Materialien.

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