Evangelischer Luisenkirchhof III
Map Fürstenbrunner Weg 67
Der heute dritte Kirchhof der Ev. Luisen-
gemeinde am Fürstenbrunner Weg ent-
stand 1884 bis 1890 als Nachfolger des 1867
der Königin-Elisabeth-Straße eröffne-
ten Kirchhofs in Charlottenburg-Westend.
Auf einem ehemaligen kircheneigenen Sand-
grubengelände gestaltete der Ober- und
Landschaftsgärtner Otto Vogeler (1843-
1913) einen traditionellen Allee-Quartier-
Friedhof mit rechteckigen Bestattungsfeldern.
Zwischen Haupteingang und Kapelle füg-
te er einen Schmuckplatz mit Pflanzrondell
ein. Hier kreuzen sich der horizontale und
der vertikale Hauptweg des Gründungsteils.
Vogeler ließ an den Erschließungswegen über
500 Linden, Ahorn und Buchen anpflan-
zen. Hinzu kamen Schmuckpflanzungen
mit etwa 4.500 Gehölzen verschiedener Art.
Mit 12 Hektar war der Kirchhof an der da-
mals Neuer Fürstenbrunner Weg genannten
Verkehrsverbindung der größte Begräbnisplatz
der Gemeinde. Die Einweihung erfolgte be-
reits am 19. Juni 1891.
Das eiserne Eingangsportal und die aus hellro-
tem Backstein, Glasursteinen und Kunststein
gefügte Trauerkapelle mit Leichenhalle konnten
1892/93 fertiggestellt werden. Die Kapelle liegt
innerhalb einer rechteckigen Platzsituation auf
ansteigendem Gelände des Spandauer Berges
in der Mittelachse. Der repräsentative Bau in
Formen mittelalterlicher Backsteinarchitektur,
ein hochhistorisches Werk von Johannes
Vollmer (1845-1920) und Heinrich Jassoy
(1863-1939), fand in seiner Entstehungszeit
viel Anklang. So lobte der Architekt Albert
Hofmann 1894 in der Deutschen Bauzeitung,
dass die verhältnismäßig bescheidene ar-
chitektonische Gestaltung der rund 40.000
Mark teuren Kapelle eines anziehenden ma-
lerischen Reizes nicht entbehre und sich in
glücklicher Weise mit der Umgebung vereini-
gen würde. Ein vom Tonwarenfabrikanten Paul
March gestifteter Christus-Tondo über der Tür
erinnert an den ehemals reicheren Dekor. Der
schlanke Dachreiter ist nicht erhalten. Roter
Backstein kam auch bei der Gestaltung des
ehemaligen „Beamten-Wohnhauses" (Verwal-
tungsgebäude) rechts des Haupteinganges zur
Anwendung. 1893/94 entstand dieser Kom-
plex nach Entwürfen von Paul Bratring (1840-
1913). 1905 konnte ein Erweiterungsteil im
Süden des älteren Kirchhofes eröffnet werden.
Vogeler ließ hier 330 Linden und 180 Ulmen
pflanzen.
Nach der ab 1912 wirksamen gesetzlichen
Zulassung der Feuerbestattung in Preußen wur-
den mehrere Urnenfelder auf dem Begräbnis-
platz eingerichtet. Im Zusammenhang mit dem
I. Weltkrieg 1914-1918 erhielt der Kirchhof
bis 1920 im südwestlichen Bereich ein aus
bossiertem Kalkstein gefügtes Ehrenmal und
einen Ehrenhain. Den Entwurf lieferte Walther
Spieckendorff (*1864). Auf einer Terrasse des
Ehrenmals hat sich eine marmorne Trauerfigur
erhalten. Sie schmückte ehemals die Grabstätte
des Bildhauers Joseph Uphues (†1911), der
das Modell um 1895 geschaffen hatte. In der
Abteilung J II lässt die wachsende armenische
Kirchengemeinde ihre Verstorbenen beisetzen.
Unterhalb der Ehrenmalanlage ist 2008 eine
Bestattungsfläche für stillgeborene Kinder ein-
geweiht worden (LIII-97). Der Kirchhof um-
fasst heute insgesamt 121.414 m².
Ehrengrabstätten haben seit 2005 der Stadt-
älteste Heinz Kaschke (†2002; Abt. A II U-9-
17) und die Schauspielerin Brigitte Mira
(†2005; Abt. III E 2 G 9a/b/c).
Der Luisenkirchhof III zeichnet sich durch
eine große Bandbreite an Zeugnissen der
Bildhauerkunst vom stilpluralistischen 19.
Jahrhundert bis zum Monumentalstil der
1920er Jahre aus. In der Mehrzahl sind diese
Anlagen entlang der nördlichen und westli-
chen Einfassungsmauer zu finden, wo sie als
Erbbegräbnisse angelegt wurden. Auch im Um-
feld um die Kapelle, an den Hauptwegen und
im südlichen Bereich lassen sich beachtenswer-
te Grabmäler finden. Nicht alle sind in ihrem
ursprünglichen Zustand erhalten. Besonders
die Aufhebung des Erbbegräbnisstatus in der
Nachkriegszeit veranlasste viele Grabeigner zur
Aufgabe der einst teuer erworbenen Grabstätten.
Viele der Grüfte wurden in der Folge zerstört
und Grabeinfassungen gingen verloren. Auf
den so geräumten Vorflächen entstanden um
1969 kleinteilige (Urnen-)Grabanlagen oh-
ne Rücksicht auf den historischen Bestand.
Seit etwa 1999 werden diese entstellen-
den Veränderungen zugunsten von schlich-
ten Urnengemeinschaftsanlagen aufgelöst.
Die Namen der Beigesetzten werden nun auf
zurückhaltend gestalteten Tafeln und Stelen an-
gebracht. Das 1923 bis 1926 von den Firmen
Schleicher & Co. und Ernst Gerhardt errich-
tete, neuklassizistische Grabmal der Familie
des Fabrikbesitzers Otto Heyl (†1931) ist ein
besonderes Beispiel für die Fehlentwicklung
der Nachkriegszeit. Die vorgelagerte Gruft für
20 große Särge wurde 1972 zerstört, nach-
dem die Familie die Grabstätte aufgegeben
hatte. Die von Fritz Schaper gegen 1895
entworfene Christusfigur wacht nun über
fremde Tote (Abt. A II / AEU, Westwand).
Nach Süden daran anschließend sind von den
Wandgräbern der westlichen Einfassungs-
mauer mehrere sehenswert. Dazu gehört das
von Willibald Fritsch um 1920 in sachli-
chen Formen gestaltete Grabmal mit einer
Reiterfigur für die Familie Meyer-Haukohl,
die historistischen Wandgräber für Max Busse
von Leitgabel, für Rudolf Braun von Alfred
Schrobsdorff, für den Tenor Emil Götze
(†1901) von Erdmann & Spindler und das
von Hans Dammann um 1899 für seine
Schwiegereltern Hirschwald gestaltete Grab-
mal. Dessen schöne marmorne Trauerfigur,
u. a. auf der Großen Berliner Kunstausstellung
gezeigt, löste schon damals Begeisterung aus.
Das noble Grabmal für Edward Grisebach
(†1895) und seinen Vater, den Architekten
Hans Grisebach (†1904), schufen Georg
Reimarus und Otto Hetzel. Erhalten blieb die
Blendnische mit der von Hermann Schaper
entworfenen Grablegung in Mosaiktechnik.
Eine von Fritz Klimsch um 1904 in Marmor
ausgeführte Abschiedsszene schmückt das von
Martin Altgelt und Heinrich Schweitzer 1902
entworfene Wandgrab des Marineoffiziers
und Nordpolreisenden Richard Hildebrandt
(†1911) und seiner Frau Louise (†1916).
Künstlerisch beeindruckend ist auch das 1904
für die Familie Körner von Louis John ent-
worfene Grabmal mit Auferstehungsengel.
Als point de vue einer der südlichen vertikalen
Wegachsen fungiert der um 1908 für Ludwig
Koppel errichtete Grabbau in Form einer
klassizistischen Tempelhalle. Um 1925 ver-
kaufte Koppel das von Th. Kampffmeyer
entworfene Erbbegräbnis an die Familie
Curt Mossner (Abt. DEU). Den südli-
chen Abschluss der Westwandgrabmäler
bildet eine zum ehemals in der Abt. J II er-
richteten Erbbegräbnis der Gastronomen-
Familie August Aschinger gehörende Figur.
Die an süddeutsche Vorbilder erinnernde
dar, der von einem Putto bewacht wird. Das
Modell schuf Ludwig Vordermayer um 1911.
Muschelkalksteingruppe stellt den auf einem
Sarkophag hingestreckten Leichnam Christi
dar. Ein etwas bizarres Schicksal erfuhr das 1901
von Ernst Hake für seine jung verstorbe-
ne Frau Ditta (†1895) entworfene Grabmal.
Der sargförmige Unterbau aus Muschelkalk-
stein steht noch an alter Stelle am Hauptweg
(Abt. CII 10). Die hierfür von dem Jugendstil-
künstler Otto Stichling geschaffene Bronze-
figur einer schönen Liegenden befindet sich seit
etwa 1950 auf der Grabstätte Stenzel gegenüber
dem Verwalterhaus (Abt. D-6.9). Eine heute
verschollene Figur von Stichling schmückte die
Grabstätte für Juliane (†1894) und Heinrich
Vogdt (†1901). Der Sockel der das Schicksal
verkörpernden Plastik ist vorhanden (Abt. A I
G 2). Unweit des Rondells der Mittelachse ist
das Grab des Ägyptologen Heinrich Brugsch-
Pascha (†1894) erhalten (Abt. C II 15.20-21).
Den Grabstein bildet ein etwa 2.000 bis 3.000
Jahre alter Sarkophagdeckel aus Rosengranit,
den Brugschs Bruder Emil aus Saquarra (alt:
Sakkara) herbeischaffen ließ. Ursprünglich
trug sie ein Porträt des Toten von Max Rabes
und ein ägyptisierendes Relief. Eines der
schönsten Grabmale entstand an der Kapelle
zwischen 1908 und 1913 aus Marmor für
den Unternehmer Julius Valentin (†1921)
nach dem Modell von Fritz Schaper und den
Bauplänen von Wilhelm Güthlen (Abt. CII G
20). Es zeigt eine aus ihrem Gruftgewölbe auf-
erstehende junge Frau über einem Scheinsarg.
Diese blaue Informationstafel geht zurück auf eine Idee des Landesdenkmalamts. Weitere Tafeln desselben Designs existieren im gesamten Stadtraum Berlins. Die Tafeln sind gerahmt von einem Stahlgestell, die Texte und Bilder befinden sich auf einer beschichteten Kunststoffplatte.
Die Bildunterschriften entsprechend der Einbettung im Fließtext lauten:
[1] Nordostansicht der Trauerkapelle, 1895
(Sammlung Fotografic, Kunstbibliothek der Staatlichen Museen
zu Berlin, Nr. 7809)
[2] A. Schrobsdorff/Schleicher & Co.: Entwurf zum Grab-
mal Rudolf Braun, 1899 (Archiv der Friedhofsverwaltung)
[3] Grabmal Max Busse, um 1903 (aus: K. R. Henker:
Grabmalskunst, 1. Tafelband, um 1902, Tafel 10)
[4] Reimarus & Hetzel: Entwurf zum Grabmal
Grisebach, 1895 (Archiv der Friedhofsverwaltung)
[5] Lageplan zum III. Kirchhof der Luisengemeinde, 1891
(Archiv der Friedhofsverwaltung)
[6] Grabmal Emil Götze, um 1903 (aus: Berliner Architektur-
welt 1904)
[7] Trauerengel von Otto Stichling vom Grabmal
Heinrich Valentin Vogdt, um 1901 (aus: K. R. Henker:
Grabmalskunst, 1. Tafelband, um 1902, Tafel 18)
[8] Max Rabes: Grabmal Heinrich Brugsch, Zeichnung von
1895 (aus: Illustrirte Zeitung Leipzig, 1895, Archiv Dr. Kuhn):
Grabmal Brugsch, Zustand um 1939 (Landesgeschichtliche
Vereinigung für die Mark Brandenburg, Friedhofskartei)
[9] Grabmal Ditta Hake, um 1901 (aus: K. R. Henker:
Grabmalskunst, Neue Folge, um 1901, Tafel 6)
Angaben zu genutzten Quellen, Autorenschaft und Impressum:
Impressum
Auftraggeber:
Kirchhofsverwaltung der Ev. Luisen-Kirchengemeinde
Text, Bildauswahl:
Dr. Jörg Kuhn, Architekturbüro Karl-Heinz Müller, Berlin
Redaktion und Layout:
HORTEC Berlin, Esther Bertele
Literatur
Jochens, Birgit; May, Herbert: Die Friedhöfe in
Berlin-Charlottenburg, Berlin 1994
Mende, Hans-Jürgen; Paffen, Debora: Luisenkirchhof III
(hrsg. von der Friedhofsverwaltung), Berlin 2015

