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Erich Steinfurth, Ernst Kamieth und Fritz Schönherr

Mittenwalde 10.8.1896 - Berlin 1.2.1934 / 26.9.1896 - Berlin 7.11.1951 / (Berlin-)Charlottenburg 30.11.1907 - Berlin 19./20.8.1952

Cordesstraße 3

Erich Steinfurth
Von den Faschisten am 2.2.1934 ermordet
Ernst Kamieth
In Ausübung seines Dienstes
von Neofaschisten am 7.11.1951 ermordet
Fritz Schönherr
von Neofaschisten am 19.8.1952 ermordet
Ihr Tod ist uns Verpflichtung

Eine schwarze Glastafel in einer kleinen Gedenkanlage im Hof hinter dem Ein­gangstor der einstigen Eisenbahnwerkstätten zeigte das Symbol der "Vereinigung der Verfolgten des Nazire­gimes" (Die Buchstaben VVN stehen auf einem roten Dreieck). Darunter stand in gol­dener Schrift der obige Text.

Erich Steinfurth war Schlosser (nach anderer Quelle: Lok­heizer) und arbeitete im Reichsbahnausbesserungswerk (RAW) Gru­ne­wald. Hier war der KPD-Funk­tionär seit Anfang der 1920er-Jahre als Betriebs­rat tätig. Er leitete außerdem ab Mitte der 1920er-Jahre die Rote Hilfe in Berlin-Brandenburg, ab 1927 gehörte er deren Zentral­vorstand an. Von 1929-1933 war er Mitglied des Preußi­schen Land­tags. Nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten verhaftete diese ihn am 25.3.1933 und verschleppten ihn ins Strafgefängnis Berlin-Plöt­zensee und ins KZ Sonnenburg. Im Fe­bruar 1934 ermordete ihn die Gestapo am soge­nannten Kilo­meterberg (Schäferberg) in Ber­lin-Wannsee zu­sammen mit drei weiteren KPD-Mitgliedern. Das Todes­datum auf der Tafel ist nicht sicher. 

Ernst Kamieth ist ein Opfer des Kalten Krieges und der Ausein­anderset­zungen um die Rechtsstellung der Deutschen Reichsbahn in Berlin. Er war Dienst­stellenleiter des Bahnbetriebs­werk am - nicht mehr existierenden - Pots­damer Bahnhof und kam bei einer Auseinandersetzung mit West-Berliner Polizei ums Leben. In der offiziel­len Geschichts­schreibung der DDR liest sich das so: "Am 7. November 1951 überfiel ein Westberliner Polizei­kommando das Bahnbetriebswerk am Potsdamer Bahnhof. Dabei wurde der Dienststellenleiter Ernst Kamieth von einem Polizei­offizier namens Zunker erschlagen" (vgl. Gerhard Keiderling: Berlin 1945-1986. Geschichte der Hauptstadt der DDR, Berlin 1987, S.528).  Gegen Po­lizei­inspek­tor Hermann Zunker, Leiter des Polizeireviers 103 (Kreuzberg, Großbeerenstraße 17) wurde deshalb am 11. Januar 1952 wegen "Körper­ver­letzung mit töd­lichem Aus­gang" "Haft­befehl wegen Verdunke­lungs­gefahr und Fluchtverdacht" erlas­sen, denn "am 7. November 1951 hatte ein Ein­satzkommando der West-Berliner Poli­zei unter Füh­rung von [...] Zunker [...] das [...] Bahn­betriebs­werk Potsdamer Gü­terbahnhof nach kommunistischem Propa­gandamate­rial durchsucht. Als der Werks­leiter Kamieth die Poli­zisten daran hindern wollte, wurde er von Zunker zur Seite ge­stoßen und er­litt dabei innere Schä­delver­letzungen, die wenige Stunden später in der Charité zu seinem Tode führten" (vgl. Senat von Berln (Hrsg.): "Berlin. Chronik der Jahre 1951-1954"). Am 17.11.1952 verurteilte das Schwurgericht Moa­bit Zunker zu zwei Jahren und drei Monaten Gefängnis. Das Urteil wurde vom Bundes­gerichtshof aufgehoben, die 3. Strafkam­mer des Landge­richts verurteilte Zunker jedoch am 10.5.1954 "wegen sechs, teil­weise gefähr­lichen Körperverletzun­gen im Amt zu einer Strafe von 22 Monaten Gefängnis". Einen Gedenkstein für Kamieth auf dem Gelän­de des Bahn­betriebswerks Pots­damer Güterbahnhof hatte die West-Ber­liner Poli­zei bereits im November 1952 ent­fernt. Beigesetzt wurde Kamieth auf dem Alten St. Matthäus-Friedhof, Großgör­schenstraße 12-14, Abt. C 2 (direkt neben dem Hauptweg und nur wenige Schritte unterhalb der von einem Kreuz geschmückten Wegkreuzung). Am 6.6.1952 sollte auf einer Rasenfläche des Bahnbetriebswerk für den ehemaligen Dienststellenvorsteher Kamieth ein Stein mit der Inschrift “Zum Gedenken an unseren Dienststellenvorsteher Ernst Kamieth. Sein Kampf war für Frieden und Freiheit." aufgestellt werden. Dies wurde von West-Berliner Polizei verhindert. Das Neue Deutschland schrieb tags darauf, dass genau zu diesem Zeitpunkt „eine Horde von vierzig Polizisten des Zunker-Reviers 103 in das Bahnbetriebsgelände einbrach. Die Stupos schlugen wahllos auf die zur Gedenkfeier Versammelten ein und verschleppten acht Eisenbahner des Bahnbetriebswagenwerks. Der umgestürzte Stein, den die Kollegen Ernst Kamieths selbst aus Trümmern geborgen und auf eigene Kosten hergerichtet hatten, wurde von den Stupos geraubt.” „Stupos” ist in Anlehnung an das Kürzel Schupo für Schutzpolizist eine Neuschöpfung für West-Berliner Polizisten unter Polizeipräsident Stumm.

Der SED-Funktionär Fritz Schönherr wollte die Nacht in seiner Laube in der Kolonie Fürstenbrunn verbringen und wurde am nächsten Morgen von seiner Frau tot aufgefunden. Die Leiche wurde zunächst von der Polizei beschlagnahmt, was die Ost-Berliner Presse als Vertuschungsversuch eines „faschistischen Mordes" bezeichnete. Schönherr war seit 1931 Mitglied der KPD, emigrierte nach 1933 in die Tschechoslowakei und kehrte im Auftrag seiner Partei zu Widerstandsaktivitäten nach Deutschland zurück. Er wurde verhaftet und in Neubrandenburg und Bautzen inhaftiert. Nach dem Zweiten Weltkrieg trat er der SED bei und engagierte sich in seinem Heimatbezirk in der Kommunalpolitik. Er wurde Bezirksstadtrat für Soziales, musste aber im Zuge des Kalten Krieges 1948 sein Amt aufgeben. Eine neue Tätigkeit fand er bei der Deutschen Reichsbahn im RAW Grunewald. Die Berliner "Chronik der Jahre 1951-1954" (S. 478f.) berichtet, dass der "kommunistische Funktionär" an einem Gehirnschlag starb. Bei der Trauerfeier am 29.8.1952 kam es am Krematorium Wedding und am S-Bahnhof Humboldthain zu Auseinandersetzungen zwischen demonstrierenden Trauergästen und der Polizei. Die Urne Schönherrs wurde am 2.9.1952 auf dem Luisen-Friedhof I, Guerickestraße 6-9, beigesetzt.

Darüber hinaus befanden sich zwei weitere Tafeln für Erich Steinfurth (Enthüllung 8.9.1952) und Fritz Schönherr (Enthüllung 1.12.1952) an einem Gebäude. Der Verbleib beider Tafeln konnte nicht geklärt werden. Der Text der Tafel für Steinfurth lautete:
Zum Gedenken 
an unseren von Faschisten 
ermordeten Kollegen 
Erich Steinfurth 
*10.8.1896 
ermordet am 2.2.1934. 
Sein Tod soll uns Mahnung 
u. Verpflichtung sein.

Der Text der Tafel für Schönherr konnte nicht ermittelt werden. Die gesamte Anlage existiert nicht mehr.

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