Emmerweiber
Map Friedrichsgracht 58
DIE EMMERWEIBER AN DER JUNGFERNBRÜCKE
An der Jungfernbrücke wurden zu Beginn des
19. Jahrhunderts jährlich um die 200.000 Eimer
Fäkalien entleert. Die Frauen, die die Fäkalien
nachts aus Häusern abholten und zu den Ge-
wässern trugen, wurden „Emmerweiber" oder auch
„Nachtemmas" genannt. Sie arbeiteten für einen
eigenen Stamm von Kund*innen, bestimmten
über Preise und ihre nächtlichen Arbeitszeiten.
Die Emmerweiber sahen ihre Existenzgrundlage
gefährdet, als Berlin wegen der Verschmutzung
der Gewässer und zur Nutzung der Fäkalien als
Düngemittel die Einrichtung von Latrinen-
Anstalten förderte, die den Unrat vor die Stadt
brachten. Auch für den Transport der Eimer auf die
Wagen wurden Frauen beschäftigt, doch häufig
übernahmen dies die Kutscher der Wagen mit.
Gegen das 1848 erlassene Verbot, Fäkalien in
der Spree zu entsorgen, protestierten Louise
Klauck und andere Emmerweiber vergeblich mit
einem Schreiben an den preußischen Innen-
minister Robert von Puttkammer.
Endgültig arbeitslos wurden sie durch den Bau der
Berliner Kanalisation ab 1875. In der Straßen-
reinigung und Müllabfuhr fanden sie keine
neuen Arbeitsplätze.
Als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für Männer,
durch die zeitweise Kombination mit Feuerwehr
und Nachtwache und durch den Einsatz von
Wagen mit Kutschern, hatten sich diese zu
Männerdomänen entwickelt. Mit der Kosten-
übernahme durch die Stadt wurde die Arbeit
besser entlohnt und damit auch attraktiv für
Männer.
Die Emmerweiber sind ein Beispiel dafür, dass
es keine traditionellen Frauen- oder Männer-
berufe gibt. Welches Geschlecht welche Tätig-
keiten ausübt, kann sich historisch ändern.
Bucket Women
THE BUCKET WOMEN AT THE JUNGFERNBRÜCKE
At the beginning of the 19th century, some
200,000 buckets of faeces were dumped each
year into the river at the Jungfernbrücke
(Maiden Bridge). The women Who collected the
faeces from the houses at night and brought the
waste to the waterways were called "bucket women"
or "night emmas" ("Emmerweiber" or "Nachtem-
mas"). "Emmer" was a colloquial form of "Eimer"
(bucket or pail). They worked for their own group of
customers, determined the prices, and regulated
the nighttime working hours themselves.
The bucket women found their livelihood at risk
when, due to the pollution of the waterways,
the Berlin city government promoted the con-
struction of latrine facilities and allowed the
faeces to be used as fertilizer. The waste was
then disposed of outside the City. Some of the
women were hired to carry the buckets to the
wagons, but Often the wagoners took over that
task themselves.
In a petition to Prussian Interior Minister Putt-
kammer, the women protested against a ban
from 1848 on emptying faeces into the Spree
River. From 1875 on, they became virtually
jobless when the Berlin canalisation was built.
They were not able to find new employment in street
cleaning or rubbish collection. These occupations
had become the domain of men through job
creation schemes that combined the disposal
With fire brigades and night watchmen and
promoted the use of wagons With wagoners to
remove the waste. The expenses were covered
in part by the City, which made the jobs more
attractive for men.
The bucket women are an example of the circum-
stance that there are no traditional professions
entirely for men or for women, but that they can
change in the course of history.
Die Informationstafel wurde initiiert von der Politikwissenschaftlerin Claudia von Gélieu und realisiert durch die Senatsverwaltung für Kultur und Gesellschaftlichen Zusammenhalt sowie den Verein Aktives Museum Faschismus und Widerstand in Berlin mit freundlicher Unterstützung der Berliner Stadtreinigung BSR. Autorin des Textes ist Claudia von Gélieu vom Netzwerk Frauentouren. Design und Realisierung lagen bei Helga Lieser.
Die Enthüllung der Tafel fand am 10. Juni 2026 zusammen mit der Gesamtfrauenvertreterin der BSR, Simone Sabrowski, der Frauenvertreterin der BSR Abfallwirtschaft, Nicolette Pejcic sowie zwei Mülltouren statt. Grußworte von Franziska Giffey, Senatorin für Wirtschaft, Energie und Betriebe, sowie von Stephanie Otto, Vorstandsvorsitzende der BSR, wurden in deren Abwesenheit verlesen. Die Laudatio trug Claudia von Gélieu bei.
Eingelassen im Fließtext sind zwei Zitate, jeweils in den Sprachen Deutsch und Englisch:
„Emmerweib, Eimerfrau, die Nachteimer fortträgt.
(Die Emmerweiber klickten früher ihre Emmer bei der
Jungfernbrücke in die Spree.)”
Schriften des Vereins für die Geschichte Berlins, 1897.
”Bucket wench, bucket woman, Who carries offthe
nighttime buckets. (The bucket women used to empty
their buckets into the Spree at the Jungfernbrücke.)”
Records of the Association for the History of Berlin, 1897
„Vor mehreren Jahren war uns unterzeichneten Frauen die Erlaubnis
erteilt, die Nachteimer des Nachts gegen eine Vergütung aus den
Häusern, welche keine Höfe haben, nach der Spree zu tragen, ohne
irgendeine Beschränkung darin zu erhalten. Wir ernährten uns
redlich und können wohl mit Bestimmtheit behaupten, dass die
meisten von uns ihre Existenz in diesem Erwerbe fanden.”
Aus einer Petition der Emmerweiber an den preußischen Innenminister, 13. Juli 1848. Berliner Stadtarchiv.
”Many years ago the undersigned women were granted permission
against payment to carry the sewage buckets at night from the
houses that have no courtyards to the Spree without any restrictions.
We supported ourselves honestly and can With certainty say
that most of us had our livelihood in this occupation.”
From a petition of the bucket women to the Prussian Interior Minister, 13 July 1848
Die Bildunterschriften v.o.n.u. auf der deutschen Seite lauten:
Jungfernbrücke mit Unterwasserstraße, 2025. Foto: Aktives Museum
Frauen als Müllträgerinnen im Ersten Weltkrieg, Heinrich Zille 1916. Sammlung Stadtmuseum Berlin VII 60/1218 w.
Jungfernbrücke mit Friedrichsgracht, 1920. Landesarchiv Berlin, F Rep. 290 (02) Nr. 0023223/ Foto: k. A. Einsatz von Frauen bei der Müllsortierung, um 1900. BSR-Archiv
Wegen Mangel an Arbeitskräften konnte 2018 bei der Berliner Stadtreinigung die Einstellung von Frauen bei der Müllabfuhr durchgesetzt werden. BSR-Pressestelle
Die Bildunterschriften v.o.n.u. auf der englischen Seite lauten:
Jungfernbrücke and Friedrichsgracht, 1920. Landesarchiv Berlin, F Rep. 290 (02) Nr. 0023223/ Photographer: n. a.
Bucket woman at the Jungfernbrücke around 1830, caricature by Franz Burchard Dörbeck. Stadtmuseum VII 60-367 w
Jungfernbrücke and Unterwasserstraße, 2025. Photograph: Aktives Museum
Women sorting rubbish, around 1900. BSR-Archiv
Due to a shortage of workers, it was determined in 2018 that women could be hired by the Berliner Stadtreinigung, the city rubbish disposal service. BSR press department






