zurück zur Suche

Emilie Lehmus und Franziska Tiburtius

Alte Schönhauser Straße 23/24

DR.
EMILIE
LEHMUS
1841 - 1932

IN EINER HOFWOHNUNG DIESES HAUSES ERÖFFNETEN
DIE BEIDEN ERSTEN BERLINER ÄRZTINNEN
AM 18.6.1877 DIE POLIKLINIK WEIBLICHER ÄRZTE
FÜR FRAUEN UND KINDER.
»KONSULTATION 10 PFENNIGE,
FÜR UNBEMITTELTE KOSTENLOSE ARZNEI«

SIE HATTEN IN ZÜRICH MEDIZIN STUDIERT,
DA FRAUEN BIS ZUM BUNDESRATSBESCHLUSS
VON 1899 DER ZUGANG ZU DEUTSCHEN
UNIVERSITÄTEN VERWEHRT WAR

DER BRAUEREI- UND HAUSBESITZER JULIUS BÖTZOW
ÜBERLIESS IHNEN DIE RÄUME KOSTENLOS.
ÜBER 20 JAHRE FÜHRTEN SIE DIESE POLIKLINIK,
BIS DER AUSBAU DES KRANKENKASSENSYSTEMS
IHRE EINRICHTUNG ENTBEHRLICH MACHTE.

DR.
FRANZISKA
TIBURTIUS
1843 - 1927

Die Tafel ist in drei Felder aufgeteilt, in denen die drei Inschriften (links und rechts jeweils die Namen und Lebensdaten) nebeneinander stehen.
Die Edelstahltafel wurde am 18. Juni 2006 in Anwesenheit von u.a. Bezirksstadträtin Dagmar Hänisch und der Schriftstellerin Renate Feyl enthüllt. Die Finanzierung ermöglichten Spenden nachstehender Organisationen: Ärztekammer Berlin, Deutscher Ärztinnenbund e.V., Bundesärztekammer, Deutsche Apotheker- und Ärztebank, NAV Virchowbund Landesverband Berlin-Brandenburg, Arbeitskreis Frauengesundheit sowie der Hauseigentümerin und von Privatpersonen. Sie ist zwischen zwei Fenstern des Hochparterres links neben der Einfahrt befestigt und wegen der Anbringungshöhe schlecht wahrnehmbar.
Beide begannen nach einer Ausbildung als Lehrerin als erste deutsche Frauen ihr medizinisches Studium in Zürich, wo sie sich kennenlernten und anfreundeten: Emilie Lehmus zum Wintersemester 1870/71, Franziska Tiburtius ein Jahr später. Sie promovierten 1875 bzw. 1876. Ihr Weg führte sie über Dresden nach Berlin, wo sie sich ohne Approbation, aber mit behördlicher Duldung zur medizinischen Behandlung als „Heilbehandlerinnen“ niederlassen durften. Eine Reihe von ärztlichen Tätigkeiten blieb ihnen deshalb jedoch untersagt. Ihr Türschild wies sie aus als „Dr. med. der Universität Zürich“, ihre Praxisausrichtung orientierte sich vor allem auf Frauen und Kinder. Die kostenlose Überlassung der Räume - „eine kleine, halbdunkle, im Erdgeschoß liegende Hofwohnung“ (zit. n. Bernhard Meyer, Mit dem Dr. med. der Uni Zürich, in: Berlinische Monatsschrift 9/1995, S. 29) - erreichte Franziska Tiburtius‘ Schwägerin, die erste Zahnärztin in Berlin, Henriette Hirschfeld-Tiburtius (verheiratet mit Dr. med. Carl Tiburtius), während einer Behandlung Bötzows. Beide Ärztinnen leisteten vor allem in den Anfangsjahrzehnten Pionierarbeit gegen vielfache männliche und behördliche Widerstände, auch bei der Begründung und Unterstützung von Vereinen und Einrichtungen zur medizinischen Versorgung von Frauen. Als 1908 ihre Approbation auch in Deutschland möglich wurde, verzichteten beide auf dieses „späte Privileg“. Bereits 1900 war Emilie Lehmus aus Krankheitsgründen in ihre fränkische Heimat zurückgekehrt. Franziska Tiburtius wurde nach ihrem Tod (nach Wohlberedt) im Krematorium Wilmersdorf eingeäschert, ihre Urne in der Familiengruft auf dem St. Jürgen-Friedhof in Stralsund beigesetzt. Das Grab existiert bis heute.
Eine erste Anregung für die Anbringung einer Gedenktafel findet sich in einem Leserbrief von Erna Orth aus Hohenschönhausen (Berliner Zeitung, 1.2.1961, S. 8). Sie schrieb: „Der Name Frau Dr. Tiburtius ist für mich seit frühester Kindheit ein fester Begrilf. 1885 zog meine Großmutter mit ihrer jüngsten Tochter nach Berlin, und zwar in das Haus Alte Schönhauser Straße 23/24. Im Seitenflügel dieses Hauses befand sich jene Poliklinik von Frau Dr. Tiburtius. Da eine Frau damals jedoch nicht als leitende Arztin tätig sein durfte, kam einmal wöchentlich der Bruder von Frau Dr. Tiburtius, um ‘nach dem Rechten zu sehen’. Das Haus hat den Krieg teilweise überstanden und es wäre doch nicht schlecht, dort eine Gedenktafel für die erste Ärztin Berlins anzubringen.”

zurück