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Emilie Lehmus und Franziska Tiburtius

Fürth 30.08.1841 - Gräfenberg 17.10.1932 / Bisdamitz, Rügen 24.01.1843 - Berlin 05.05.1927

Alte Schönhauser Straße 23/24

DR.
EMILIE
LEHMUS
1841 - 1932

IN EINER HOFWOHNUNG DIESES HAUSES ERÖFFNETEN
DIE BEIDEN ERSTEN BERLINER ÄRZTINNEN
AM 18.6.1877 DIE POLIKLINIK WEIBLICHER ÄRZTE
FÜR FRAUEN UND KINDER.
»KONSULTATION 10 PFENNIGE,
FÜR UNBEMITTELTE KOSTENLOSE ARZNEI«

SIE HATTEN IN ZÜRICH MEDIZIN STUDIERT,
DA FRAUEN BIS ZUM BUNDESRATSBESCHLUSS
VON 1899 DER ZUGANG ZU DEUTSCHEN
UNIVERSITÄTEN VERWEHRT WAR

DER BRAUEREI- UND HAUSBESITZER JULIUS BÖTZOW
ÜBERLIESS IHNEN DIE RÄUME KOSTENLOS.
ÜBER 20 JAHRE FÜHRTEN SIE DIESE POLIKLINIK,
BIS DER AUSBAU DES KRANKENKASSENSYSTEMS
IHRE EINRICHTUNG ENTBEHRLICH MACHTE.

DR.
FRANZISKA
TIBURTIUS
1843 - 1927

Emilie Lehmus und Franziska Tiburtius lernten sich 1871 während ihres Medizinstudiums an der Universität Zürich kennen. Beide Frauen hatten zuvor eine Ausbildung zur Lehrerin absolviert. In der Schweiz war es Frauen bereits seit 1865 gestattet, Medizin zu studieren und anschließend zu promovieren, während dies im Deutschen Reich zu diesem Zeitpunkt noch nicht möglich war. Trotzdem waren die beiden Studentinnen an der Universität den Schikanen und dem Spott ihrer männlichen Kommilitonen und Dozenten ausgesetzt. In ihrer Autobiografie schrieb Franziska Tiburtius: "Es war unter den Studenten bekannt geworden, dass die Frauenzimmer zum ersten Mal kommen würden. Als wir eintraten, war der Saal dicht gefüllt, auch von den anderen Fakultäten erschienen zahlreiche Mitläufer, und es erhob sich ein wüster Lärm, Schreien, Johlen, Pfeifen; da hieß es ruhig Blut behalten." Allen Hindernissen und Widerständen zum Trotz schlossen die beiden Frauen ihr Studium erfolgreich ab und wurden anschließend mit der Auszeichnung "summa cum laude" promoviert.

Nach verschiedenen Stationen verschlug es beide Frauen letztlich nach Berlin. Auch hier mussten sie sich gegen die Ablehnung ihrer männlichen Fachkollegen wehren. "Am gehässigsten war Virchow", erinnerte sich Emilie Lehmus. Gemeint ist der berühmte Pathologe Rudolf Virchow, der bereits 1848 verkündet hatte: "Alles, was wir an dem wahren Weibe Weibliches bewundern und verehren ist nur eine Dependenz des Eierstockes."

1877 eröffneten die beiden Frauen in der Alten Schönhauser Straße 23/24 eine Privatpraxis für Frauen und Kinder. Gemeinsam mit der Zahnärztin Henriette Hirschfeld-Tiburtius waren sie damit die ersten zugelassenen Ärztinnen Deutschlands. Sie erhielten jedoch keine Approbation, sondern durften mit behördlicher Duldung zur medizinischen Behandlung lediglich als "Heilbehandlerinnen" arbeiten, eine Reihe von ärztlichen Tätigkeiten blieb ihnen damit untersagt. Ihr Türschild wies sie als „Dr. med. der Universität Zürich“ aus. Die Räumlichkeiten - „eine kleine, halbdunkle, im Erdgeschoß liegende Hofwohnung“ (zit. n. Bernhard Meyer, Mit dem Dr. med. der Uni Zürich, in: Berlinische Monatsschrift 9/1995, S. 29) - wurden ihnen kostenlos durch den Hausbesitzer Julius Bötzow, der im selben Haus eine Brauerei betrieb, zur Verfügung gestellt.  Die beiden Ärztinnen leisteten vor allem in den Anfangsjahrzehnten Pionierarbeit gegen vielfache männliche und behördliche Widerstände, auch bei der Begründung und Unterstützung von Vereinen und Einrichtungen zur medizinischen Versorgung von Frauen. In ihrer Praxis behandelten Tiburtius und Lehmus Frauen aus allen Gesellschaftsschichten, vor allem jedoch bedürftige Frauen, die unentgeltlich versorgt wurden. Hierbei wurde die Praxis finanziell vom Berliner Frauenverein unterstützt. Mit den Jahren wuchs die Poliklinik an und wurde unter anderem um einen Operationssaal erweitert. 1901 zog die Praxis in die Gleditschstraße 48, 1914 schließlich in die Adalbertstraße 4. 

1899 wurden auch im Deutschen Reich Frauen zum Medizinstudium zugelassen, 1910 legte mit Ida Democh die erste Frau Deutschlands das medizinische Staatsexamen ab. Daraufhin beschäftigt auch die von Lehmus und Tiburtius gegründete Poliklinik  Ärztinnen, die offiziell den Titel "Dr. med." tragen dürfen - ohne den Zusatz "Universität Zürich", zu dem Lehmus und Tiburtius zwei Jahrzehnte zuvor noch gezwungen worden waren. In ihrer Autobiografie schrieb Tiburtius: "Und so wurde die Klinik weiblicher Ärzte wirklich zu einem Mittelpunkt dieser ersten und zweiten Generation weiblicher Ärzte [...]. Wir haben gut zueinander gestanden, haben voneinander gelernt, sind aneinander gewachsen und lebten in einer Art von geistigem Kommunismus. Es war ein schönes Zusammenarbeiten, eine glückliche Zeit des Aufstrebens."

Emilie Lehmus starb 1932 in ihrer Heimat Franken, in die sie nach ihrer Pensionierung zurückgekehrt war. Auf dem Friedhof in Fürth exisitert heute ein Gedenkstein für sie, der 2019 eingeweiht wurde und an ihr Wirken erinnern soll.

Franziska Tiburtius setzte sich 1908 zur Ruhe und unternahm viele Reisen innerhalb und außerhalb Europas. Sie starb 1927 in Berlin, ihre Urne wurde in der Familiengruft auf dem St. Jürgen-Friedhof in Stralsund beigesetzt. Das Grab existiert bis heute.

[Quelle: Pete Smith: Steiniger Weg. Wie Emilie Lehmus die erste niedergelassene Ärztin Deutschlands wurde, veröffentlicht in: ÄrzteZeitung, April 2020, abrufbar unter: https://www.aerztezeitung.de/Panorama/Wie-Emilie-Lehmus-die-erste-niedergelassene-Aerztin-Deutschlands-wurde-408528.html. Zuletzt abgerufen am: 27.04.2022.]

Die Berliner Gedenktafel wurde am 18. Juni 2006 in Anwesenheit von u.a. Bezirksstadträtin Dagmar Hänisch und der Schriftstellerin Renate Feyl enthüllt. Die Finanzierung ermöglichten Spenden nachstehender Organisationen: Ärztekammer Berlin, Deutscher Ärztinnenbund e.V., Bundesärztekammer, Deutsche Apotheker- und Ärztebank, NAV Virchowbund Landesverband Berlin-Brandenburg, Arbeitskreis Frauengesundheit sowie der Hauseigentümerin und von Privatpersonen. Sie ist zwischen zwei Fenstern des Hochparterres links neben der Einfahrt befestigt und wegen der Anbringungshöhe schlecht wahrnehmbar.

Eine erste Anregung für die Anbringung einer Gedenktafel findet sich in einem Leserbrief von Erna Orth aus Hohenschönhausen (Berliner Zeitung, 1.2.1961, S. 8). Sie schrieb: „Der Name Frau Dr. Tiburtius ist für mich seit frühester Kindheit ein fester Begrilf. 1885 zog meine Großmutter mit ihrer jüngsten Tochter nach Berlin, und zwar in das Haus Alte Schönhauser Straße 23/24. Im Seitenflügel dieses Hauses befand sich jene Poliklinik von Frau Dr. Tiburtius. Da eine Frau damals jedoch nicht als leitende Arztin tätig sein durfte, kam einmal wöchentlich der Bruder von Frau Dr. Tiburtius, um ‘nach dem Rechten zu sehen’. Das Haus hat den Krieg teilweise überstanden und es wäre doch nicht schlecht, dort eine Gedenktafel für die erste Ärztin Berlins anzubringen.”

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