Augusta-Viktoria Glocke
Map Scharnhorsstraße 32
Am 15. November 1748 bezogen die ersten
Invaliden das vor den Toren der Stadt Berlin
auf Befehl König Friedrich II. errichtete In-
validenhaus. Hier gab es für die anfangs ca.
600 Invaliden mit ihren Frauen und Kindern
eine evangelische und eine katholische Kir-
che. Es bestand eine eigene Militärparochie
unter der Leitung des im Hause wohnenden
evangelischen Invalidenhauspredigers. Alle
Bewohner des Hauses, gleich welcher Kon-
fession, gehörten zu dieser Gemeinde.
Als dann später das Invalidenhausgelände
parzelliert wurde, begann der Zuzug auch
von Zivilpersonen, die wie die Invaliden des
geistlichen Beistandes bedurften und diesen
bei den Militärpfarrern im Invalidenhaus
suchten und fanden. Das rief den Protest
der benachbarten Berliner Sophiengemeinde
hervor, die die außerhalb der Stadtmauer auf
dem Gelände des Invalidenhauses wohnen-
den Zivilpersonen bei sich eingepfarrt wis-
sen wollte. Deshalb wurde 1806 festgelegt,
dass alle Bewohner, die auf dem Gelände
des Invalidenhauses westlich der Chaussee-
straße wohnten, zur Parochie der Invaliden-
hauskirche gehörten. Neben die nunmehr
so genannte „Militärgemeinde" des Invali-
denhauses trat damit eine zweite Gemeinde,
die „Invalidenhaus-Civilgemeinde", d.h. das
Gebiet östlich der Chausseestraße wurde der
Sophienkirche zugeordnet.
Im Zuge des wirtschaftlichen Aufschwungs
des Berliner Raumes im frühindustriellen
Zeitalter siedelten sich auf dem Gelände des
Invalidenhauses nach und nach zahlreiche
gewerbliche Betriebe und sonstige Einrich-
tungen an, u.a. die Königliche Eisengießerei
an der Invalidenstraße. Die immer dichtere
Besiedlung hatte Folgen auch für die Invali-
denhausgemeinde und ihren Begräbnisplatz:
Der zivile Teil der Invalidenhausgemeinde
wurde immer größer, und der Invalidenfried-
hof, ursprünglich geschaffen als Ruhestätte
für die Insassen des Invalidenhauses, entwi-
ckelte sich schließlich zu einem Gottesacker
mit einer zwar großen Anzahl militärischer
Personen, aber einem doch deutlich überwie-
genden Anteil von Zivilpersonen. Auf dem
Friedhof fanden Gießereiarbeiter, Maschi-
nenbauer, Eisenbahner, Handwerker, Kauf-
leute und Dienstboten, deren Frauen, Söh-
ne und Töchter ebenso ihre letzte Ruhestätte
wie Verwaltungsbeamte aller Rangstufen,
Ärzte der umliegenden Krankenhäuser, Wis-
senschaftler u.a.m.
Während die Zahl der Invaliden im Inva-
lidenhaus zurückging, wuchs die evangeli-
sche Civilgemeinde unaufhörlich. So stieg
die Mitgliederzahl der evangelischen „Ci-
vilgemeinde" im Jahr 1884 auf ca. 26.000
Mitglieder, für die lediglich die Invaliden-
hauskirche mit ihren 570 Plätzen (in gemein-
samer Nutzung mit der Militärgemeinde)
zur Verfügung stand. So war die Schaffung
einer eigenen Kirche für die Civilgemeinde
unausbleiblich. Im August 1892 erfolgte die
öffentlich-rechtliche Trennung der evange-
lischen „Civilgemeinde" vom Invalidenhaus
und die Umbenennung in „Gnadenkirchen-
gemeinde". Bereits am 11. Juni 1890 war
der Grundstein für ihre neue Kirche im In-
validenpark gegenüber dem Invalidenhaus
gelegt worden. Für den Neubau unter dem
Protektorat der Kaiserin Auguste Viktoria
wurde der Name „Gnadenkirche" festgesetzt.
Das Reich hatte den Bauplatz zur Verfügung
gestellt. Zur Finanzierung steuerte das preu-
ßische Herrscherhaus ein „Gnadengeschenk"
bei. Die Kirche sollte dem Gedenken an Kai-
serin Augusta (Großmutter Kaiser Wilhelms
II.) gewidmet sein. Am 22. März 1895 fand
in Anwesenheit des Kaiserpaars die Einwei-
hung des Gotteshauses statt.
Die Kirche erhielt ein aus drei Glocken
bestehendes Geläut. Die mittlere der drei
Glocken (Gewicht 1,8 Tonnen, Durchmesser
1,60 m) wurde von Kaiserin Auguste Viktoria
gestiftet. Auf ihrer Vorderseite trägt die Glocke
die Inschrift:
„AUGUSTE VICTORIA Kaiserin und
Königin" (darunter das Alliance-Wappen
Ihrer Majestät)
„Kaiserin Augusta 11. Juni 1829" (Datum
ihrer Vermählung mit dem späteren König u.
Kaiser Wilhelm I.)
„Römer XII.12. Seid. fröhlich in Hoffnung,
geduldig in Trübsal, haltet an am Gebet."
„Fulgura frango“ („Ich breche die Blitze") –
ein früher auf Glocken häufig zu findender
lateinischer Hinweis, der sich auch im Motto
zu Friedrich Schillers „Lied von der Glocke"
findet und auf die Vorstellung zurückgeht,
dass bei herannahendem Unwetter das Läu-
ten der Glocken („Wetterläuten“) vor Blitz-
einschlägen bewahren könne -, „Ps. 93.4“.
Die Aufschrift auf der Rückseite lautet: „Der
Gnadenkirche in Berlin gewidmet im Jahre
des Herrn 1894. Gegossen in der Fabrik des
Bochumer Vereins für Bergbau und Guß-
stahlfabrikation in Bochum, Westfalen". Das
besondere Gussverfahren verlieh der Glocke
eine ungewöhnliche Klangfülle, sie klingt 50
Sekunden nach. Da diese Auguste-Viktoria-
Glocke künstlerisch und klanglich besonders
gut gelungen war, wurde sie als Zeugnis voll-
endeter Gießkunst vor ihrer Installierung in
den Kirchturm 1893 auf der Weltausstellung
in Chicago präsentiert.
Im Zweiten Weltkrieg wurde das Gotteshaus
durch einen Bombentreffer stark zerstört.
Trotz zahlreicher Proteste wurde die Kirche
am 6. August 1967 gesprengt.
Nur die mittlere der drei Glocken, die Au-
guste-Viktoria-Glocke, überstand die Spren-
gung unbeschadet. Dennoch wurde sie mit
den beiden anderen Glocken dem Magistrat
von Groß-Berlin zur Verwertung übergeben
und landete auf einem Schrottplatz in Berlin-
Weißensee. Dort entdeckte sie Pfarrer Merkel
von der benachbarten Gemeinde Berlin-Mal-
chow. Er kaufte sie zum Schrottpreis und ver-
hinderte damit die Vernichtung des kulturhis-
torisch wertvollen Stücks. 12 Jahre lang stand
die Glocke im Pfarrgarten von Berlin-Mal-
chow, weitere 10 Jahre neben dem Pfarrhaus
in seinem neuen Wirkungskreis in Stadtilm/
Thüringen. Im Januar 1990 erwarb sie Pfar-
rer Cicholl von der evangelischen Kirchen-
gemeinde Wattenscheid-Leithe. Die Glocke
wurde an ihrem Ursprungsort Bochum von
den Krupp-Werkstätten restauriert und am
25. September 1991 vor der Kreuzkirche in
Wattenscheid-Leithe aufgestellt. Bereits beim
Kauf der Glocke hatte der dortige Kirchenrat
festgelegt: Sollte die Rechtsnachfolgerin der
Berliner Gnadenkirchengemeinde, die Evan-
gelische Kirchengemeinde Sophien, in einem
wieder einzurichtenden Geläut für die Glo-
cke Verwendung finden, wird die Auguste-
Victoria-Glocke wieder zurückgegeben.
Als der Vorstand des Fördervereins Invaliden-
friedhof e. V. im Sommer 2010 von der Exis-
tenz dieser verloren geglaubten historischen
Glocke erfuhr, nahm er umgehend Kontakt
mit der Evangelischen Kirchengemeinde So-
phien auf, um die Glocke wieder nach Berlin
zurückzuholen. Die Idee war, auf dem Inva-
lidenfriedhof einen Glockenturm zu errich-
ten und die Auguste-Viktoria-Glocke wieder
zum Klingen zu bringen und damit auch an
die lange gemeinsame Tradition von Gnaden-
kirche, Civilgemeinde der Invalidenhauskir-
che und Invalidenfriedhof zu erinnern. Auf
Initiative des damaligen Pfarrers Michael
Kösling fasste der Gemeindekirchenrat der
Evangelischen Kirchengemeinde Sophien am
22. November 2010 den einstimmigen Be-
schluss, dieses „Juwel der Glockenbaukunst"
dem Förderverein Invalidenfriedhof e. V. zu
übereignen. Am 10. Februar 2011 kehrte die
Glocke wieder nach Berlin zurück und wur-
de auf dem Invalidenfriedhof in Empfang
genommen.
Am 28. Juni 2013 wurde der Glockenturm im
Rahmen eines ökumenischen Gottesdienstes
durch Pfarrer Matthias Lohenner von der
Evangelischen Kirchengemeinde Sophien
(heute: Evangelische Kirchengemeinde am
Weinberg) und den Vorsitzenden des Förder-
vereins, Klaus Francke, eingeweiht. Dabei er-
klang nach mehr als 60 Jahren erstmals wie-
der die historische Auguste-Viktoria-Glocke.
Künftig wird sie jährlich am 22. März (Tag
der Kirchenweihe 1895), am 6. August (Tag
der Sprengung der Kirche 1967) sowie am
Volkstrauertag und Totensonntag läuten.
Diese blaue Informationstafel geht zurück auf eine Idee des Landesdenkmalamts. Weitere Tafeln desselben Designs existieren im gesamten Stadtraum Berlins. Die Tafeln sind gerahmt von einem Stahlgestell, die Texte und Bilder befinden sich auf einer beschichteten Kunststoffplatte.
Die Bildunterschriften entsprechend der Einbettung im Fließtext lauten:
[1] Die Glocke nach ihrer Rückkehr aus Wattenscheid-Leithe 10. Februar 2011
[2] Die Gnadenkirche (erbaut 1895) im Originalzustand
[3] Die Gnadenkirche in den 1950er Jahren
[4] Die Gnadenkirche nach ihrer Sprengung am 06. August 1967
Angaben zu genutzten Quellen, Autorenschaft und Impressum:
Glockenturmprojekt:
Dipl.-Ing./Architekt Gerhard Hirschfeld,
Hamburg
Glockenprüfung:
Glockensachverständiger für die Evangeli-
sche Kirche Berlin- Brandenburg u. schlesi-
sche Oberlausitz, Helmut Kairies, Görlitz
HSM Hochbau & Sanierung Magdeburg
UG
Glockenturm:
SIBAU Genthin GmbH & Co. KG
Glockenanlage u. Einbau:
Dipl.-Ing. Wolfgang Schmidt, Glockentech-
nik u. Turmuhren, Berlin
Finanzierung:
Stiftung Deutsche Klassenlotterie Berlin
Stiftung Preußisches Kulturerbe
Förderverein Invalidenfriedhof e. V.
Impressum:
Förderverein Invalidenfriedhof e. V.
Text, Fotoauswahl
Förderverein Invalidenfriedhof e. V.
Konzept, Redaktion
HORTEC Berlin
Layout
ringkamp kornmunikationsdesign

