Arthur Rackwitz
Map Kranoldstraße 16
wirkte von 1929 bis 1964
ARTHUR RACKWITZ
4.8.1895 - 16.8.1980
Als religiöser Sozialist warnte der evangelische Pfarrer früh
vor dem Nationalsozialismus. Er taufte verfolgte Jüdinnen
und Juden, half bei der Ausreise in die Schweiz und
versteckte Verfolgte, darunter den Sozialdemokraten
Ernst von Harnack nach dem 20. Juli 1944. Daher wurde
Rackwitz ins KZ Dachau verschleppt. Er überlebte und
forderte nach 1945 ein klares Schuldbekenntnis der Kirche.
Die Berliner Gedenktafel für Arthur Rackwitz wurde am 19. Juni 2026 enthüllt. Sie befindet sich an der Fassade der Philipp-Melanchthon-Kirche in Berlin-Neukölln, wo Rackwitz seit 1929 als Pfarrer wirkte. Zur Enthüllung sprachen Alexander Straßmeir, Staatssekretär für Gesellschaftlichen Zusammenhalt, Dr. Julia Helmke, Generalsuperintendentin des Sprengels Berlin, sowie Superintendent Dr. Christian Nottmeier. Im Anschluss wurde die Ausstellung „Evangelische Grenzgänger“ eröffnet, die an Arthur Rackwitz und seinen Vorgänger Paul Piechowski erinnert und ihr Engagement im religiösen Sozialismus sowie ihren Widerstand gegen den Nationalsozialismus würdigt.
Arthur Rackwitz (eigentlich Otto Rudolf Arthur Rackwitz) wurde am 4. August 1895 in Landsberg an der Warthe geboren. Sein Vater war Pfarrer, seine Mutter stammte aus einer Musikerfamilie. Schon in der Schulzeit kam er mit sozialistischen Ideen in Kontakt. Später studierte er Theologie in Berlin und Halle. 1914 meldete er sich freiwillig zum Kriegsdienst, wurde jedoch wegen eines Herzfehlers noch im selben Jahr entlassen. Diese Erfahrung prägte ihn stark und machte ihn zu einem überzeugten Pazifisten. 1920 wurde Rackwitz ordiniert und heiratete seine Schulfreundin Charlotte Blume, die ähnliche Ansichten hatte. Nach ersten Stellen in Berlin und Thüringen entwickelte sich sein politisches und soziales Engagement weiter. 1926 trat er der SPD und dem Bund der religiösen Sozialisten Deutschlands (BRSD) bei. Diese Bewegung verband christlichen Glauben mit sozialer Gerechtigkeit und setzte sich besonders für Arbeiter ein.
1929 wurde Rackwitz Pfarrer in Berlin-Neukölln, wo er bis 1964 tätig blieb. Neukölln war damals ein armes Arbeiterviertel mit hoher Arbeitslosigkeit. Rackwitz engagierte sich dort besonders für soziale Hilfe. Er leitete den „Evangelischen Erwerbslosendienst“. Dort erhielten Arbeitslose nicht nur Unterstützung, sondern konnten auch selbst arbeiten. Damit ging seine Arbeit über reine Wohltätigkeit hinaus. Ihm ging es darum, die Würde der Menschen zu bewahren. Sein Engagement führte zu Konflikten innerhalb der Kirche, da konservative Kräfte die Arbeit des BRSD ablehnten. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 wurde die Lage noch schwieriger. Viele Kirchenvertreter passten sich an. Besonders die Bewegung der „Deutschen Christen“ wollte die nationalsozialistische Ideologie offen in die Kirche integrieren. Doch Rackwitz widersetzte sich. Er wurde überwacht, bedroht und auch verhaftet. Trotz der Gefahr halfen er und seine Frau weiterhin Verfolgten bei der Flucht. Er taufte Jüdinnen und Juden und konnte ihnen dadurch teilweise Schutz bieten. Er versteckte politische Gegner und nahm die Tochter des ermordeten kommunistischen Reichstagsabgeordneten Ernst Schneller in seine Familie auf. 1935 schloss er sich der Bekennenden Kirche an, die sich gegen den Einfluss der Nationalsozialisten stellte. Ein besonders mutiges Beispiel ist seine Hilfe für den Widerstandskämpfer Ernst von Harnack nach dem Attentat vom 20. Juli 1944. Rackwitz versteckte ihn für einige Zeit. Als das Versteck entdeckt wurde, wurde von Harnack hingerichtet. Auch Rackwitz wurde verhaftet und ins Konzentrationslager Dachau gebracht.
Nach dem Krieg kehrte er 1945 nach Berlin zurück. In Predigten forderte er die Menschen auf, ihre Verantwortung in der Zeit des Nationalsozialismus ehrlich zu reflektieren. Er unterstützte kirchliche Schulderklärungen, kritisierte jedoch, dass diese oft nicht deutlich genug waren. Politisch blieb Rackwitz aktiv: Er trat wieder in die SPD ein und arbeitete zeitweise auch für die SED. Später lehnte er deren atheistische und strenge Ideologie ab und verließ die Partei 1952. Neben seiner Gemeindearbeit setzte er sich für die Aufarbeitung der NS-Zeit ein und arbeitete in kirchlichen Gremien zur Entnazifizierung mit. 1964 ging er in den Ruhestand. Arthur Rackwitz starb am 16. August 1980 im Alter von 85 Jahren. Sein Leben zeigt, wie wichtig es ist, auch in schwierigen Zeiten für Gerechtigkeit, Menschlichkeit und die eigenen Überzeugungen einzustehen.


