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Luisenschule - Erste Städtische höhere Mädchenschule

Ziegelstraße 12

In diesem Gebäude befand sich von 1874-1940 die
LUISENSCHULE
1838 gegründet in der Oranienburger Straße 69 als Berlins
ERSTE STÄDTISCHE HÖHERE MÄDCHENSCHULE
Ihr erster Rektor von 1838-1888 war Eduard Mätzner (1805-1892)
und ihr Chronist Eduard Muret (1833-1904).
Zu den nach 1933 von den Nationalsozialisten vertriebenen Lehrkräften gehörten
Elisabeth Abegg (1882-1974), Elisabeth Schmitz (1893-1977),
Martin Deutschkron (1893-1982) und Margarethe Frieseke (1897-1979).
Schülerinnen waren u.a.:
Die Dichterin Paula Dehmel (1862-1918)
die Malerin Julie WoIfthorn (1864-1944)
die Schriftstellerin Else Ury (1877-1943)
die Sozialpolitikerin Hannah Karminski (1897-1943)
die Opernsängerinnen Margarethe Klose (1899-1968)
und Frieda Leider (1888-1975)
Berlin 2005

Die großformatige, dunkle Bronzetafel, die die Humboldt-Universität ermöglichte, wurde am 25. Mai 2005 in Anwesenheit von Bezirksbürgermeister Joachim Zeller, dem Leiter der Technischen Abteilung der Humboldt-Universität, Ewald-Joachim Schwalgin, und der Schriftstellerin Inge Deutschkron, deren Vater hier unterrichtete, enthüllt. Der im Stile der Zeit aus roten Ziegeln errichtete Schulbau bestand anfänglich nur aus dem rechten Flügel, der linke Bauteil wurde 1894/95 ergänzt. Unter dem Dach ist noch der Name der Schule zu lesen.

Als erste städtische Mädchenschule befand sich die Luisenschule zunächst in der damaligen Spandauer Vorstadt. 1871 wurde aufgrund der steigenden Nachfrage in der Ziegelstraße ein neues Schulgebäude errichtet, in das die Luisenschule 1874 einzog. Obwohl zunächst als Schule für "Töchter der gebildeten Stände" vorgesehen, öffnete sie sich mit der Zeit auch für Mädchen aus Arbeiterfamilien, denen das Schulgeld erlassen wurde. Schülerinnen aller Konfessionen und Religionen lernten hier gemeinsam. Viele ehemalige Schülerinnen kehrten nach ihrem Abschluss als Lehrerin an die Luisenschule zurück. Nachdem in Preußen im Jahr 1908 Frauen zur Immatrikulation an einer Universität zugelassen wurden, konnte an der Luisenschule ein entsprechendes Reifezeugnis erworben werden. Ab 1913 nannte sich die Schule dann Luisen-Lyceum, ab 1929 Oberlyceum.

(Quelle: Sabine Krusen: Zwei frühe Berliner Mädchenschulen im 19. Jahrhundert: die städtische Luisenschule und die evangelische Mädchenbildungsstätte Marthashof, abrufbar unter: https://www.louiseottopeters-gesellschaft.de/fileadmin/Redaktion/Publikationen/Digitalisate_LOUISEen/L32/L32_06_Zwei_fr%C3%BChe_Berliner_M%C3%A4dchenschulen_im_19._Jahrhundert__Sabine_Krusen_.pdf, zuletzt abrufen am 24.05.2022)

Die Luisenschule brachte viele bedeutende und talentierte Frauen hervor. Die Schriftstellerin Else Ury (1877–1943) machte hier 1894 ihren Abschluss. Da für sie als Frau zur damaligen Zeit noch kein weiterführendes Studium möglich war, widmete sie sich anschließend dem Schreiben. Berühmtheit erlangte sie mit ihren Kinder- und Jugendbüchern, darunter viele Märchen aber auch sogenannte "Backfischliteratur" – Geschichten, die sich spezifisch an junge Mädchen richteten. Ihr wohl berühmtestes Werk ist die mehrbändige "Nesthäkchen"-Reihe. Nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten erhielt Else Ury als Jüdin 1935 ein Berufsverbot. Am 12. Januar 1943 wurde sie mit den 26. "Osttransport" nach Auschwitz deportiert und direkt nach der Ankunft ermordet.

Die Malerin Julie Wolfthorn (1864–1944)besuchte die Luisenschule in den 1880er Jahren. Nach ihrem Abschluss ging sie nach Paris, um dort an der Academie Colarossi Malerei zu studieren, da dies Frauen zu diesem Zeitpunkt im Deutschen Reich noch nicht gestattet war. Als Frau wurde ihr der Zugang zur Berliner Kunstszene und Ausstellungsräumen erschwert, Künstlerinnen wurden von ihren männlichen Kollegen häufig verächtlich als "Malweiber" bezeichnet. Zwar gehörte Wolfthorn 1898 als eine von vier kunstschaffenden Frauen zu den Gründungsmitgliedern der Kunstvereinigung Berliner Secession, verließ die Vereinigung aus Protest jedoch kurze Zeit später wieder. Stattdessen wurde sie Mitglied des Vereins der Berliner Künstlerinnen und gründete gemeinsam mit Käthe Kollwitz die Verbindung Bildender Künstlerinnen. 1905 beteiligte sie sich einer Petition, die die Zulassung von Frauen an der Preußischen Akademie der Künste forderte, jedoch vom Direktor Anton von Werner abgelehnt wurde. 1912 wurden Wolfthorn und Kollwitz in den Vorsitz der Berliner Secession gewählt. Nach 1933 konnte Julie Wolfthorn als jüdische Künstlerin nur noch mit dem Jüdischen Kulturbund zusammenarbeiten und wurde aus der Secession ausgeschlossen. Am 28. Oktober 1942 wurde sie mit dem "68. Altentransport" in das KZ Theresienstadt verschleppt, wo sie am 29. Dezember 1944 verstarb.

Die Lehrerin Elisabeth Abegg (1882–1974) gehörte zu den ersten Frauen, die im Deutschen Reich ein Hochschulstudium absolvierten: Sie studierte ab 1912 Geschichtswissenschaft, Klassische Philologie und Romanistik an der Kaiser-Wilhelms-Universität Straßburg und wurde 1916 an der Universität Leipzig promoviert. Ab 1924 war sie als Studienrätin für Geschichte an der Luisenschule tätig. Sie sprach sich nach 1933 gegen die Diskriminierung jüdischer Schülerinnen aus und äußerte sich immer wieder kritisch gegen die Regierung und später gegen den Krieg. Sie und ihre Schwester Julie versteckten sowohl verfolgte Jüdinnen und Juden als auch Personen aus dem Widerstand in ihrer Wohnung, darunter den Widerstandskämpfer Ernst von Harnack. 1967 ehrte die Gedenkstätte Yad Vashem Abegg als "Gerechte unter den Völkern". In Deutschland wurde sie 1957 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet, seit 1991 erinnert eine Berliner Gedenktafel an ihr Wirken. Sie starb 1974 in Straßburg

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