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Egon Schultz

Groß-Jestin Kr. Kolberg/Pommern (Gościno/Polen) 4.1.1943 - Berlin 5.10.1964

Strelitzer Straße 55

Im Hof dieses Hauses endete ein von
West-Berlin aus gegrabener 145 m langer Tunnel,
durch den 57 Männern, Frauen und Kindern
in den Nächten des 3. und 4. Oktober 1964
die Flucht in den Westen gelang. Nach Verrat
der Fluchtaktion an das Ministerium für
Staatssicherheit der DDR kam es auf dem Hof
zu einem Schusswechsel zwischen
Grenzsoldaten und Fluchthelfern. Dabei kam der
Unteroffizier der Grenztruppen der
Nationalen Volksarmee
Egon Schultz
*4. Januar 1943 in Groß-Jestin (Kr. Kolberg)
am 5. Oktober ums Leben. Egon Schultz
wurde in der DDR als Held idealisiert; die
Fluchthelfer galten als Agenten und Mörder.
Erst nach dem Fall der Mauer stellte sich heraus,
dass die tödlichen Schüsse aus der Waffe
eines Kameraden abgegeben wurden. Dieser
Sachverhalt war den DDR-Verantwortlichen
von Anfang an bekannt.

Zur Enthüllung der Messingtafel am 4. Oktober 2004 sprachen der erste Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen und Vorsitzende des Vereins „Gegen Vergessen - für Demokratie“ Joachim Gauck, Bezirksbürgermeister Joachim Zeller und Herr von Keussler aus Erfurt von der „Initiative Gedenktafel Egon Schultz“.
Zu Zeiten der DDR hing hier eine Tafel mit folgender Inschrift:
IN DIESEM HAUSFLUR
WURDE AM 5. OKTOBER 1964
UNTEROFFIZIER
EGON SCHULTZ
GEBOREN AM 4. JANUAR 1943
BEI DER AUSÜBUNG
SEINES DIENSTES ZUM SCHUTZ
DER STAATSGRENZE DER
DEUTSCHEN DEMOKRATISCHEN
REPUBLIK
DURCH WESTBERLINER AGENTEN
MEUCHLINGS ERMORDET

In der Geschichtsdarstellung der DDR wurde er durch "Westberliner Agenten" ermordet, die durch einen "von Westberlin aus vorgetriebenen Tunnel" eingedrungen waren. Sie hatten „den Auftrag, Mitglieder Westberliner Spionageorganisationen illegal über die Staatsgrenze zu schleusen“ (Hans Maur, Gedenkstätten der Arbeiterbewegung in Berlin-Mitte, [Ost-]Berlin 1973, S. 55). Die Straße wurde nach Schultz benannt und er wurde in der DDR zu einem Helden stilisiert. Nach Mitteilung der Senatsverwaltung für Justiz vom 26.8.1994 wurde er jedoch durch Schüsse eines Kameraden bei dem Schußwechsel tödlich verletzt. Die Tafel aus der DDR wurde bald nach der Wende von einem Unbekannten entfernt und befand sich nach einem Bericht im Fernsehen (WDR 3, 4.6.1991) im Keller eines Hausbewohners, der sie dem Dieb abgenommen hatte. Am 4.4.1992 waren nur Spuren der entfernten Tafel rechts neben dem Eingang sichtbar (wo jetzt die neue Tafel hängt), auch 2004 war unter der Tafel noch der alte Haken für die Anbringung eines Angebindes vorhanden. Sie befindet sich heute (2013) im Archiv der Stiftung Berliner Mauer.
In der Ausstellung „50 Jahre Bundesrepublik" im Sommer/Herbst 1999 im Martin-Gropius-Bau waren zwei Tafeln aus Meißener Porzellan aus der Zeit „um 1965" zu sehen, von denen eine ein Porträt zeigt und die Inschrift trägt:
Uffz. EGON SCHULTZ
Auf der zweiten, offenbar früher einmal unmittelbar unter der ersten angebrachten Tafel wird die Inschrift fortgesetzt:
WURDE AM 05. OKTOBER 1964 IM ALTER
VON 21 JAHREN IN AUSÜBUNG SEINES
DIENSTES ZUM SCHUTZE DER STAATS-
GRENZE ERMORDET. WESTBERLINER
BANDITEN SETZTEN SEINEM JUNGEN
LEBEN EIN ENDE. SEIN TOD BLEIBT UNS
MAHNUNG UND VERPFLICHTUNG.

Beide Tafeln kamen aus dem Deutschen Historischen Museum (DHM), wo sie sich auch heute wieder befinden. Gezeigt werden die Tafeln in der Objektdatenbank des DHM http://www.dhm.de/datenbank/dhm.php?seite=5&fld_0=98006097 und http://www.dhm.de/datenbank/dhm.php?seite=5&fld_0=98006098 (letzter Aufruf 18.6.2014).
Über ihren ursprünglichen Anbringungsort konnte bisher nichts in Erfahrung gebracht werden.

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