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© Foto: Holger Hübner

Richard Draemert

Der Sozialdemokrat und Zehlendorfer Richard Draemert wurde am

24. Juni 1880 in Berlin geboren. ln armen Verhältnissen aufgewachsen,

bildete er sich im Selbststudium fort. Der gelernte Speditionskaufmann

arbeitete sich zum leitenden Angestellten im Verlags- und Druckerei-

gewerbe hoch. Bis 1933 war er Geschäftsführer der SPD-Wochen-

zeitschrift “Die Welt am Montag”. 1907 heiratete er Minna Hartung.

1916 zog die siebenköpfige Familie nach Dahlem, 1933 in den Wald-

hüterpfad 66 der Siedlung Onkel Toms Hütte. Nach 1947 wohnte das

Ehepaar in der Riemeisterstraße 162.

Der Kommunalpolitiker

Seit 1903 war Richard Draemert Gewerkschaftsmitglied. 1918 trat er

in die Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) ein und wurde

deren erster Bezirksvorsitzender in Zehlendorf. Von 1921 bis 1933

war er Stadtverordneter von Berlin und Bezirksverordneter von Zehlen-

dorf. Er übernahm Ehrenämter, unter anderem als Vorsitzender der

Pressekommission beim “Vorwärts” sowie als Aufsichtsrat der Berliner

Messegesellschaft und der Berliner Flughafengesellschaft.

Gegen den erbitterten Widerstand anderer Fraktionen gelang Richard

Draemert dank seiner Beharrlichkeit, seines diplomatischen Geschicks

und Engagements die Weiterführung der U-Bahn vom Thielplatz bis

zur Krummen Lanke. Dort bauten ab 1926 Bruno Taut und andere

Architekten bezahlbaren Wohnraum: die Waldsiedlung Zehlendorf

bzw. Siedlung Onkel Toms Hütte.

Verfolgung im Nationalsozialismus

Als SPD-Politiker und Gegner des NS-Regimes wurde Richard

Draemert im Sommer 1933 in der Strafanstalt Plötzensee inhaftiert.

Die “Welt am Montag” wurde verboten, ihm wurden seine politischen

Mandate entzogen und er erhielt Berufsverbot.

1934 baute Richard Draemert trotz vieler Schikanen des Bezirksamtes

eine Eis- und Getränkediele am U-Bahnhof Krumme Lanke auf. Die

Einnahmen blieben gering, die Familie hungerte. Bis 1944 diente die

“Baude” Regimegegnern und jüdischen Freunden als Treffpunkt, um

politische Meldungen zu diskutieren und illegale Nachrichten

auszutauschen, sowie als kurzzeitiges Versteck für politisch und

“rassisch” Verfolgte.

Nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler vom 20. Juli 1944 wurde er

im Konzentrationslager Sachsenhausen inhaftiert und nach mehreren

Wochen schwerkrank entlassen.

Anerkennung nach Kriegsende

Von 1946 bis 1954 gehörte Richard Draemert erneut der Bezirks-

verordnetenversammlung in Zehlendorf an. Er leitete die Wohnungs-

baudeputation. Bis 1949 arbeitete er als Kaufmännischer Direktor

bei der städtischen Wohnungsbaugesellschaft DeGeWo. Stets setzte

er sich für eine dem Charakter des Bezirks angemessene Bebauung

ohne Hochhäuser ein.

Zu seinem 75. Geburtstag wurde er für seine langjährigen Verdienste

für Berlin und seine Standhaftigkeit gegenüber dem NS-Regime zum

Stadtältesten von Berlin ernannt.

Richard Draemert starb am 5. August 1957 im Krankenhaus Am

Großen Wannsee (heute Liebermann-Villa) an den Spätfolgen seiner

Inhaftierung. Er hat ein Ehrengrab auf dem St.-Annen-Friedhof in

Dahlem. ,,Sein Kampf galt gerechten, menschenwürdigen Arbeits-

bedingungen und besonders der Chancengleichheit aller Kinder“, so

seine Enkelin Ingrid Reimann, 2013.

Marion Neumann