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© Foto: Holger Hübner

Die “Rassenhygienische und bevölke-

rungsbiologische Forschungsstelle”

In der Zeit des Nationalsozialismus befand sich an diesem Ort als

Abteilung des Reichsgesundheitsamts die “Rassenhygienische und

bevölkerungsbiologische Forschungsstelle”.

Akteure und Arbeit der Forschungsstelle

Initiator und Leiter der Forschungsstelle war ab 1936 der Jugendpsychiater

und überzeugte Vertreter der NS-Rassenpolitik Robert Ritter (1901-1951).

Zu seinen engsten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zählte die Kranken-

schwester Eva Justin (1909-1966). Die Hauptaufgabe der Stelle bestand

im Erfassen und Erforschen von Sinti und Roma sowie dem Sammeln

personenbezogener Daten.

1936 im Zwangslager Berlin-Marzahn internierte Sinti und Roma gehörten

zu den ersten “Untersuchungsobjekten”, die Ritter und sein Mitarbeiterstab

genealogisch befragten und anthropologisch vermaßen. Bei den oftmals

erzwungenen Untersuchungen kam es zu Demütigungen und Misshand-

lungen. “Es kamen die Rassenforscher; die haben uns vermessen. Das

Gesicht, die Augen, die Haarfarbe usw. Dann haben sie uns Blut abgenom-

men.” (Der Zeitzeuge Peter Böhmer, Berlin 2009)

Die Forschungsstelle wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft

finanziert und kooperierte mit dem Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie,

menschliche Erblehre und Eugenik. Bei dessen vormaligem Leiter Eugen

Fischer (1874-1967) promovierte Justin 1943 mit einer Arbeit über Kinder

der Sinti, die nach Abschluss der Untersuchungen nach Auschwitz

deportiert und ermordet wurden.

Erfassung und Verfolgung

Gemäß der Rassenideologie galten Sinti und Roma wie Juden als

“artfremd” und wurden mit gesetzlichen und polizeilichen Maßnahmen

systematisch entrechtet. 1938 beauftragte der Reichsführer SS Heinrich

Himmler die Forschungsstelle, in Zusammenarbeit mit dem Reichssicher-

heitshauptamt die reichsweite Registrierung aller Sinti und Roma

durchzuführen.

Bis 1944 verfassten Ritter und sein Mitarbeiterstab etwa 24.000 “Gutachten”,

mit Empfehlungen zur Zwangssterilisation und Deportation. Nach dem

“Auschwitzerlass” Himmlers vom 16. Dezember 1942 begannen die

Deportationen in die Konzentrations- und Vernichtungslager. Insgesamt

wurden rund 500.000 Sinti und Roma Opfer der nationalsozialistischen

Rassenideologie.

Nach 1945

Ritter und Justin fanden nach 1945 im jugendpsychiatrischen Dienst der

Stadt Frankfurt/Main Anstellung. Ermittlungsverfahren gegen sie wurden

“aus Mangel an Beweisen” eingestellt. Ehemalige Mitarbeiterinnen und

Mitarbeiter nutzten Unterlagen der Forschungsstelle weiter und trugen

zur fortgesetzten Diskriminierung wie zur Ablehnung von Entschädigungs-

ansprüchen von Sinti und Roma bei.

Die offizielle Anerkennung der Sinti und Roma als Opfer des Genozids

erfolgte erst 1982 durch Bundeskanzler Helmut Schmidt. 1988 erinnerte

erstmals eine Ausstellung vor Ort an die Rolle der Forschungsstelle und

des Reichsgesundheitsamts im Nationalsozialismus. 1995 wurde in der

Bibliothek des Gebäudes eine Gedenktafel angebracht, initiiert nach

einem Zeitzeugengespräch Otto Rosenbergs mit Lichtenberger Schülern

über sein Schicksal als Kind im Zwangslager Marzahn und Opfer dieser

“Rassenforscher”.

Judith Hahn