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Flughafen Tempelhof – Zwangsarbeiterlager – Organisation und Alltag / Forced Labour Camp – Organisation and Everyday Life

Columbiadamm

Zwangsarbeiterlager
Organisation und Alltag
Das große Lager entlang des heutigen Columbiadamms lag zwischen den
beiden Produktions- und Werkstäten im Flughafenneubau und im alten
Flughafen. Es wurde von der »Weser« Flugzeugbau und der Lufthansa
genutzt. Bis 1944 wuchs es auf etwa 30 Baracken an; zur Anlage gehörten
auch Verpflegungs- und Krankenbaracken und ein Heizwerk. In den
letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs hatte die »Weserflug« hier etwa
2000, die Lufthansa etwa 400 Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter
untergebracht.
Ein Stacheldrahtzaun umgab das Lager. Die Bewachung und Kontrolle
üernahm eine betriebliche »Abwehr«-Abteilung, die mit Gestapo, Schutz-
polizei, Wehrmacht und Werkschutz zusammenarbeitete und eigene
Haftzellen auf dem Gelände unterhielt. Vorgeschrieben war »strengste
Absonderung von deutschen Mitarbeitern«. Auch innerhalb des Lagers
waren die unterschiedlichen Gruppen – »Ostarbeiter«, »Zivilarbeiter« aus
westeuropäschen Länder[n!] und Kriegsgefangene – durch Zäune vonein-
ander getrennt. Immer voller wurde das Lager zum Ende des Krieges.
Die Mäner und Frauen lebten in den Standard-Baracken des »General-
bauinspektors für die Reichshauptstadt« (GBI) auf engstem Raum und
schliefen auf verwanzten Strohsäcken. Auch Kinder zwischen zwölf und
fünfzehn Jahren waren im Lager, vor allem beim Lufthansa-Einsatz. Die
Verpflegung reichte nicht aus, um bei Kräften zu bleiben, zumal die
Schichten lang und die Metallarbeiten besonders anstrengend waren.
Wer krank wurde, erhielt auf der Krankenstation nur unzureichende
oder gar keine medizinische Versorgung. Viele litten ihr Leben lang an
körperlichen und seelischen Folgeschäden.
Die jüdischen Frauen und Männer im »Geschlossenen Arbeitseinsatz« bei
der Lufthansa gingen vermutlich nachts zurück in ihre Berliner Wohnungen
oder in die ihnen zugewiesenen »Judenhäuser«.

Forced Labour Camp
Organisation and Everyday Life
The large camp alongside what is now Columbiadamm was situated
between the two production centres and workshops in the new airport
building and the old airport. It was used by the Weser aeroplane
construction company and Lufthansa. By 1944, it had been extended
to contain about thirty barracks. The complex also had barracks for
catering and for the sick, as well as a power station. During the last
few months of the Second World War, Weserflug housed about 2,000
forced labourers here and Lufthansa about 400.
The camp was enclosed by barbed wire. A “Defence” department was
responsible for surveillance and keeping guard. It co-operated with the
Gestapo, the police force, the armed forces and the factory security
service and also hat its own prison cells on the grounds. The “strictest
separation of German staff” was stipulated. Inside the camp, too,
various groups – “Eastern workers”, “civilian workers” from Western
European countries and prisoners-of-war – were separated from one
another by fences. Towards the end of the war, the camp became
increasingly crowded.
The men and women lived in the standard barracks of the General
Building Inspector for the Reich Capital (GBI) and slept on bug-ridden
straw sacks. Children between the ages of twelve and fifteen also lived
in the camp, and mainly worked for Lufthansa. There were insufficient
provisions for the inmates to maintain their strength. Those who fell
sick received inadequate medical care – or none at all – on the sick
bay. Many of them suffered for the rest of their lives from the physical
and emotional damage they had endured.
The Jewish women and men working for Lufthansa in “segregated
work units” probably returned to their Berlin flats at night, or to the
so-called Judenhäuser (“Jew Houses”) assigned to them.

(Die Bildunterschriften lauten:)

1 Früher Lageplan des Barackenlagers entlang des Columbiadamms, damals
Neue Flughafenstraße, Mai 1942
An early site plan of the barrack camp along Columbiadamm, then the
Neue Flughafenstrasse, May 1942

2 Montage des Funkabwehrgeräts »Wüzburg« fü die Lufthansa, o. J.
Assembly of the Wüzburg radio defence device for Lufthansa, photo not dated

3 Arbeitskarte des Wasyl T. Kudrenko (16) aus der Ukraine. Am Ostrand des Flugfelds,
auf dem Friedhof der Jerusalem- und Neuen Kirchengemeinde, betrieb die Evangelische
Kirche ihr Zwangsarbeiterlager, belegt mit etwa hundert sowjetischen Männern, die auf
Friedhöfen von 42 Gemeinden eingesetzt wurden.
Work card belonging to Wasyl T. Kudrekno[!] (16) from the Ukraine. On the eastern
side of the airfield (on the Cemetery of the Jerusalem und Neue Kirchengemeinde)
the Evangelical Church ran its own forced-labour camp. A group of approximately
one-hundred Soviet men worked on cemeteries in 42 parishes.

4 Schon kleinste Vergehen konnten zur Überstellung der Zwangsarbeiter an dieGestapo führen.
Even the slightest misdemeanour could lead to forced labourers being turned over to
the Gestapo.

5 Frauen bei Schweißarbeiten, o. J.
Women doing welding, photo not dated

6 Verwaltungsbau der »Gagfah« (errichtet 1939) in der heutigen Wallenbergstraße, 1942
Auch hier wurden 1941 Zwangsarbeiter der »Weser« Flugzeugbau untergebracht, vor
allem aus westeuropäischen Ländern.
The Gagfah administration building (erected in 1939) in what is now Wallenbergstrasse, 1942
Forced labourers – mainly from Western European countries – working for the Weser aircraft
construction company were accommodated here in 1941.

7 Zerstörte Baracken kurz vor Kriegsende 1945
Destroyed barracks shortly before the end of the Second World War 1945

8 Barackenkomplex eines ehemaligen Lagers des Generalbauinspektors,
Berlin-Schöneweide, 2011
Im Jahr 2006 wurde hier das Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit eingerichtet.
The barracks complex of a former camp of the general building inspector,
Berlin-Schöneweide, 2011
In 2006, the Berlin Nazi Forced Labour documentation centre was established here.

Die schmale, ca. 2,20 m hohe Metallstele ist Teil eines „Informationspfades zur Geschichte des Tempelhofer Feldes”. Sie steht vom Haupteingang Columbiadamm aus gut 100 m innerhalb des „Tempelhofer Feldes” in Richtung Flughafenbebauung links vom Wege und bildet eine Informationseinheit mit der bereits 2012 ganz in der Nähe eingeweihten Tafel “Rüstungsproduktion, Luftwaffenstützpunkt, Zwangsarbeiterlager”. Geschaffen wurde sie 2013 im Auftrag der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt, der Senatskanzlei - Kulturelle Angelegenheiten, der Tempelhof Projekt GmbH und der Grün Berlin GmbH.

Konzeption, Textentwurf und Redaktion lagen beim Berliner Forum für Geschichte und Gegenwart e.V. (Stefanie Endlich, Monica Geyler-von Bernus und Beate Rossié; http://www.bfgg.de). Gestaltet wurde die Tafel von der Grafikerin Helga Lieser.

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