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© Foto: Holger Hübner

Ballonflucht mit tödlichem Ausgang

Am Morgen des 8. März 1989 verfing sich gegen 7.50 Uhr ein

selbstgebauter Gasballon in den Bäumen auf dem Mittelstreifen der

Potsdamer Chaussee, unweit der Spanischen Allee. An seinem

Tragegestell waren Taschen mit persönlichen Gegenständen befestigt.

Kurze Zeit später fand eine Anwohnerin im Vorgarten ihres Hauses

einen DDR-Personalausweis. Am Nachmittag entdeckte ein Hausbesitzer

in seinem Garten in der Limastraße die Leiche des Ballonfahrers. Es

war der 32-jährige Ost-Berliner Winfried Freudenberg. Das tragische

Ende seiner Sehnsucht nach Freiheit erschütterte die Anwohner und

löste Bestürzung im In- und Ausland aus. Das SED-Regime rückte

auf die Anklagebank: Wie verzweifelt mussten Menschen über ihre

Lebensumstände in der DDR sein, dass sie ein solch waghalsiges

Unternehmen starteten?

Der Elektroingenieur Winfried Freudenberg und seine Frau, von

Beruf Diplom-Chemikerin, sahen für sich keine beruflichen Perspektiven

in der DDR. Sie wollten nicht länger hinnehmen, dass ihnen Reisen,

Tagungen, Forschungsmöglichkeiten und Kontakte in westliche Länder

von Staats wegen vorenthalten wurden. Deshalb plante das junge

Paar die Flucht mit einem Ballon. In unauffälligen Kleinmengen kauften

die beiden Polyäthylenfolien, wie sie für Frühbeetfenster Verwendung

finden. Im Januar 1989 begannen sie, mit einem Klebeband in ihrer

Wohnung eine dreizehn Meter hohe Ballonhülle von elf Metern

Durchmesser anzufertigen, die sie mit einem Netz aus Verpackungs-

schnur umspannten.

Am Abend des 7. März 1989 wehte ein günstiger Nordostwind. Mit

ihrem Trabant brachten die Freudenbergs den Ballon zu einer

Reglerstation der Berliner Gasversorgung im Norden Ost-Berlins.

Winfried Freudenberg hatte aufgrund seiner beruflichen Tätigkeit einen

Schlüssel zu der Anlage. Gegen Mitternacht zapfte er die Station an

und begann, die Hülle mit Erdgas zu füllen. Langsam richtete sich der

Ballon auf, trotz der Dunkelheit wurde er weithin sichtbar. Die Flucht

hätte dennoch gelingen können. Doch ein 24-jahriger Arbeiter, der

vorübergehend kellnerte, sah das Gefährt - und alarmierte die Volkspolizei.

Der Ballon war noch nicht ausreichend gefullt, um zwei Personen zu

tragen, als kurz nach 2 Uhr ein Funkstreifenwagen vor dem Gelände

bremste. Das Paar entschied, dass Winfried Freudenberg allein starten

sollte. Er kappte das Ankerseil und stieg in den Nachthimmel auf. Der

überstürzte Start hatte unvorhersehbare Folgen. Der Ballon stieg

schneller und höher auf, als Winfried Freudenberg berechnet hatte.

Unbemerkt überflog er die Grenze zu West-Berlin. Mit einer halben

Stunde Flug in niedriger Höhe hatte er gerechnet. Stattdessen war er

Stunden über dem nächtlichen Berlin unterwegs. In großer Höhe und

eisiger Kälte auf einem 40 Zentimeter breiten und zwei Zentimeter

starken Holzstock kauernd, kämpfte er verzweifelt um sein Leben.

Und dann nach mehr als fünf Stunden der Absturz - das Ziel dicht vor

Augen.

Unter großer Anteilnahme der Bevölkerung wurde Winfried Freudenberg

am 24. April 1989 in seiner Heimatgemeinde Lüttgenrode in der DDR

beigesetzt.

Acht Monate und einen Tag vor dem Fall der Mauer ist Winfried

Freudenberg ihr letztes Todesopfer in Berlin.

Hans-Hermann Hertle