http://www.gedenktafeln-in-berlin.de/uploads/tx_tafeln/Sanatorium_Schlachtensee.JPG
© Foto: Holger Hübner

Das Sanatorium Schlachtensee

Gründerjahre und Glanzzeit

ln Schlachtensee entstand kurz vor der Jahrhundertwende ein Zentrum

für Nervenpflege, mit den Privatkliniken Fichtenhof, Kurhaus Hubertus

und Sanatorium Schlachtensee. Letzteres gewann an Bedeutung,

als seine Leiter Dr. Julius Weil und Dr. Salo Unger 1905 einen groß-

räumigen Neubau an der damaligen Viktoriastrafie errichteten. Das

„Alte Sanatorium” bezogen sie ein. Ihre Glanzzeit hatte die Klinik im

ersten Jahrzehnt, als Nervenschwache mit Gemütsschwankungen

in der bürgerlichen Gesellschaft als zeittypisches Krankheitsbild galt.

Der Schriftsteller Christian Morgenstern war einer der bekannten

Patienten des Hauses. Vor 1914 wandelte sich der Zeitgeist; statt

Nervosität war nun Nervenstärke gefragt und statt Heilbädern das

„Stahlbad”.

Schwierige Zwanziger und das Ende

Auch nach dem Kriege war Nervenheilung in stiller Waldlage kaum

zeitgemäß. Der bekannte Sanitätsrat Dr. Otto Juliusburger versuchte

mit der Übernahme einen Neuanfang und gab bald auf. Eigner des

Sanatoriums und angrenzender Grundstücke wurde 1921 der lettische

Kaufmann Moritz Mendelson. Sein Schwiegersohn, der Neurologe

Dr. llja Wolpert, wurde ärztlicher Leiter.

Die Judenverfolgung ab 1933 traf Klinik und Familie unmittelbar.

Schon 1934 emigrierte Dr. Wolpert mit seiner Frau Josefine nach

England. Zurück blieb die Witwe Rahel Mendelson. Sie war Eignerin

der Klinik und der Grundstücke Nr. 10-14, zusammen mit ihren

Töchtern Johanna und Lili. Das Sanatorium verwaiste, und ein Teil

der Gebäude wurde vermietet. Corder Catchpool, Leiter des

Internationalen Quäkerbüros in Berlin, zog in die Nr. 14. Ab 1933

unterstützte er politische Gefangene, darunter Carl von Ossietzky

und Hans Litten. Damit geriet auch er in Gefahr und ging 1936 zurück

nach England.

Enteignung und Nutzung durch die SS

Rahel Mendelson starb 1939, ihre Tochter Johanna Weinreich emi-

grierte in die USA. Lili Mendelson, Meisterlehrerin für Violine am

Stern’schen Konservatorium, erhielt 1935 Berufsverbot. 1941 gelangte

sie über einen Personenaustausch in die Sowjetunion und wurde

dort nach Sibirien verbannt, wo sie 1942 starb. Besitzer der Sana-

toriumsbauten wurde 1943 das Deutsche Reich. Den Anstoß für

diese Enteignung hatte die SS-Führung gegeben, zugunsten des

Hygiene-Instituts der Waffen-SS. 1943 zog es dort ein und wurde,

geführt von Dr. Joachim Mrugowsky, zu einer Leitzentrale für

Menschenversuche in Konzentrationslagern.

Zuvor waren die Gebäude zu „räumen”; die Volkszählung 1939 hatte

dort zehn jüdische Mieter registriert. Sechs starben nach der

Deportation in die Konzentrationslager Theresienstadt und Auschwitz.

Die Namen stehen auf den Stolpersteinen vor dem Pflegewohnheim

Spanische Allee 8~10.

Mrugowsky wurde im Nürnberger Ärzteprozess zum Tode verurteilt

und 1948 hingerichtet. Eine menschliche Medizin zog erst nach dem

Kriege wieder in die Sanatoriumsbauten ein. Der Verein zur Errichtung

Evangelischer Krankenhäuser pachtete sie von der US-Militärregierung,

erwarb sie später von der Familie Mendelson und ersetzte sie 1984

durch das heutige Hauptgebäude.

Hans H. Lembke