http://www.gedenktafeln-in-berlin.de/uploads/tx_tafeln/Lager_Kaulsdorfer_Strasse_90_nach_Sueden_01.jpg
© Foto: Holger Hübner
http://www.gedenktafeln-in-berlin.de/uploads/tx_tafeln/Lager_Kaulsdorfer_Strasse_90_nach_Sueden_01.jpg http://www.gedenktafeln-in-berlin.de/uploads/tx_tafeln/Lager_Kaulsdorfer_Strasse_90_nach_Norden_01.jpg

(Tafel 3)

Lager für Wolhyniendeutsche

1939 begann die Deutsche Reichsbahn auf dem Areal an der Kauls-

dorfer Straße mit dem Bau eines Lagers für deutsche Arbeiter, die

auf Eisenbahnbaustellen eingesetzt werden sollten. Es wurden elf

hölzerne Unterkunftsbaracken, zwei Funktionsbaracken sowie ein

Wirtschaftsgebäude errichtet. Die Deutsche Reichsbahn übergab das

noch nicht genutzte, damals als “Gemeinschaftslager Köpenick”

bezeichnete Gelände Anfang Januar 1940 zur zwischenzeitlichen

Unterbringung von deutschen Siedlern aus Wolhynien an das SS-Amt

“Volksdeutsche Mittelstelle”. Die Wolhyniendeutschen mussten nach

dem geheimen Zusatzprotokoll zum “Hitler-Stalin-Pakt” den bis dahin

polnischen und ab September 1939 sowjetischen Teil Wolhyniens

verlassen. Sie sollten unter der Losung “Heim ins Reich” in dem

annektierten Gebiet “Reichsgau Wartheland” neu angesiedelt werden.

Ab 17. Januar 1940 waren bis zu 1.600 Menschen im Lager unter-

gebracht. Ihre Namen, die Herkunftsorte und ihr weiteres Schicksal

sind unbekannt. Die Deutsche Reichsbahn forderte im August 1940

wegen eigenen Bedarfs zur Räumung des Lagers auf. Im September

1940 waren noch etwa 50 Insassen und 200 SS-Männer als Um-

siedlungskommando im Lager. Mitte Oktober war das Lager geräumt.

 

(Unter dem Text ein Foto, ein Dokument und rechts daneben ein Textauszug daraus [Abschrift]):

 

1 Wolhyniendeutsche umringen die Lagerleiterin (mit Armbinde).

Aufnahme vom 25.1.1940

 

Aus der Niederschrift über die gemeinsame Besprechung mit den Bezirks-

beigeordneten und den Bezirksbeiräten von Lichtenberg am 11. März 1940

Magistratsobermedizinalrat Dr. Runge berichtet ausführlich über die hygieni-

schen Verhältnisse im Bezirk unter besonderer Berücksichtigung des Ge-

sundheitszustandes der wolhyniendeutschen Rückwanderer im Lager Kaulsdorf.

Hauptaufgabe des Gesundheitsamtes bei der Einrichtung des Lagers sei es

gewesen, der Einschleppung übertragbarer Krankheiten nach Möglichkeit

vorzubeugen. Diesem Ziel diente in erster Linie eine gründliche Entlausung

der Rückwanderer, die in zahlreichen Fällen notwendig war. Hierdurch sei es

erreicht worden, daß die Gefahr der Einschleppung von Flecktyphus vorerst

als behoben angesehen werden könne. Andere übertragbare Krankheiten wie

Diphtherie, Scharlach und besonders die Ägyptische Augenkrankheit, die

in größerem Umfange befürchtet würde, seien erfreulicherweise auf wenige

Fälle beschränkt geblieben. An Typhus erkrankten bisher 8 Personen, an

Genickstarre 19, von denen 3 starben. Eine große Zahl von Kindern mußte

wegen Masern in das Krankenhaus geschafft werden. Neuerdings bestehe der

Verdacht, daß mit Darmkrankheiten (Ruhr) in weiterem Ausmaße gerechnet wer-

den müsse. Wann unter diesen Umständen die über das Lager verhängte Sperre

aufgehoben werden könne, lasse sich noch nicht voraussehen. In erster Linie

gelte es, die Sauberkeit im Lager zu heben und die Insassen zur Reinlich-

keit zu erziehen. Sobald der Boden frostfrei geworden sei, müsse das Lager

vor allem unverzüglich an die Kanalisation angeschlossen werden, um die

große Gefahrenquelle zu beseitigen, die sich aus den unzulänglichen Abortan-

lagen ergebe.

Bezirksbürgermeister Dr. Dorsch ergänzt die Ausführungen des Bericht-

erstatters durch Angaben über den rassischen Wert und dem allgemeinen

Gesundheitszustand der Wolhyniendeutschen. Er regt an, das Lager sobald

wie möglich durch Abgabe der einwandfrei Gesunden an die Landwirtschaft

abzubauen, um erträgliche Lagerverhältnisse zu schaffen.

Bezirksbeirat Koch schlägt Schutzimpfungen in weitem Umfange vor, wenn sie

nach ärztlicher Ansicht geeignet sind, die Seuchengefahr abzuwenden oder

wenigstens stark herabzumindern.

 

(Tafel 4)

Kriegsgefangenenlager

Die Deutsche Reichsbahn wollte das Lager für Bauvorhaben im Bereich

Wuhlheide und Köpenick nutzen, vermietete es aber im Oktober

1940 an den “Generalbauinspektor für die Reichshauptstadt” (GBI).

Die Albert Speer unterstehende Behörde baute das Lager in ein

Kriegsgefangenenlager um. Drei Wachtürme wurden errichtet,

Stacheldrahtzäune gezogen. Bereits im Oktober waren hier rund

1.600 kriegsgefangene Franzosen des Stalag III/D, Außenkommando

307, einquartiert. Zeitweise hatte das Lager bis zu 2.000 Insassen.

Sie arbeiteten auf verschiedenen Baustellen des GBI oder wurden

an zahlreiche kleine und große Berliner Firmen und Institutionen

“verliehen”. Der GBI nutzte das Lager bis zum Frühjahr 1942. Im

April 1942 wurden die letzten rund 1.000 verbliebenen Gefangenen

in ein Lager nach Britz (Neukölln) verlegt.

 

(Unter dem Text sind fünf Abbildungen)

 

1 Französische Kriegsgefangene im Stalag III/D in Berlin. Aus diesem

Lager kamen auch die Insassen des Lagers Kaulsdorfer Str. 90.

 

2 Lageplan vom 16.2.1942 mit eingezeichneten Wachtürmen und

Stacheldrahtzäunen

 

3 Französische Kriegsgefangene legten beiderseits der Lagerstraße

Brunnen an. Ein Brunnenschild trug in französischer Sprache die

Inschrift “Von den französischen Kriegsgefangenen geleistete Arbeit”.

[Die französische Inschrift: TRAVAIL EFFECTUE / PAR DES / PRISONNIERS DE GUERRE / FRANÇAIS.]

 

4 Unfallanzeige Roger Boessy. Er war wie viele andere französische

Kriegsgefangene zum Bau von Luftschutzbunkern in Berlin eingesetzt.

Sein weiteres Schicksal ist unbekannt.

 

5 Zusammengestellt aus: Bundesarchiv, R 4606, Nr. 3853, Bl. 336ff.

[Die maschinenschriftliche Liste]

Arbeitseinsatz von Kriegsgefangenen aus dem Lager 1941 (Auswahl)

GBI Baustab Speer 11.487 Tagessätze

Luftgaukommando III, Sonderbauleitung 5.686 Tagessätze

Reichspostdirektion Berlin 4.790 Tagessätze

Fa. Siemens Schuckert Werke A.G. 1.620 Tagessätze

Verband Berliner Kohlenhändler 1.393 Tagessätze

Ortsbauernschaft Köpenick 564 Tagessätze

Fa. Adam Opel AG 534 Tagessätze

Niederbarnimer Eisenbahn 463 Tagessätze

Ortsbauernschaft Kaulsdorf 460 Tagessätze

Fa. Gebr. Schulz, Köpenick, Kaulsdorfer Str. 320 Tagessätze

Reichsfinanzzeugamt 310 Tagessätze

Bezirksamt Tempelhof, Gartenamt 310 Tagessätze

Ortsbauernschaft Lichtenberg 306 Tagessätze

Fa. Kali-Chemie AG 279 Tagessätze

Osthafenmühle AG 279 Tagessätze

Bezirksamt Neukölln, Gartenamt 279 Tagessätze

Viehcentrale GmbH, Magerviehhof 217 Tagessätze

Ortsbauernschaft Friedrichsfelde 102 Tagessätze

Reichsbahnneubauamt Wuhlheide 28 Tagessätze