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Kollwitzstraße 66

früher: Weißenburger Straße 29 (Schlacht bei Weißenburg, Elsaß 1870) Lebenslinien jüdischer Bewohner

eines mitteleuropäischen Hauses

Meyer Sirota, Eigentümer des Hauses und einer Selterswasserpro-

duktion von 1922 bis 1935. Er wohnte hier auch, zog in den 20er

Jahren aber nach Argentinien.

Moses Wachsberg, Schneider,

lebte von 1927 bis 1941 im Erdgeschoß eines Seitenflügels. Sein

weiteres Schicksal konnte bisher nicht ermittelt werden.

Josef Bamberger, Dr., med (geb. 1874, Bad Kreuznach)

wohnte mit seiner Frau

Rosa (geb. 1875, Bad Kreuznach) von 1931 bis 1935 im Haus.

Aus einem Untermietverhältnis in Kreuzberg wurden sie am

27.10.1941 (3. Massentransport) nach Litzmannstadt deportiert.

Josef Luster (geb. 1886 in Nadworna

Galizien, heute Ukraine), dessen vormali-

ges Haus in der Linienstraße Neubauten weichen mußte, kaufte

1935 Haus und Fabrikation. Mit ihm lebten seine Frau

Toni (geb. 1885, Stanislav

Galizien) und ihre vier Kinder. Toni L. wurde am

2.3.1943 (32. Transport) und Josef L. am 3.3.1943 (33. Transport) nach

Auschwitz deportiert. (Ebenso erging es der Familie seines Bruders andernorts in Berlin).

Die vier Kinder hatten Sicherheit in Palästina gefunden. Ein Sohn,

Dov Laor, wurde im später gegründeten Israel Panzergeneral.

Das Haus wurde im NS-Staat 1939 vom Eigentümer des Nachbar-

hauses Nr. 28 übernommen („Arisierung”) und in der DDR zu „Volks-eigentum” erklärt. In den 1990er Jahren wurde es an die Kinder

Lusters übertragen und danach verkauft.

Isaak Klotzer, Dr. med (geb. 1876, Beuthen

Schlesien, heute Polen) und Frau

Goldine (geb. 1883, Berlin) wurden 1939 im Haus aufgenommen oder eingewiesen. Bevor er hier als „Krankenbehandler” geführt wurde,

hatte er eine Praxis in der Greifswalder Straße.

Goldine K. wurde am 26.9.1942 (20. Transport) nach Reval deportiert.

Für Isaak K. begann am 3.10.1942 (3. Großer Alterstransport) nach

Theresienstadt ein kostenpflichtiger „Altersruhestand”, in dem er

am 3.3.1943 verstarb. (Inschrift rechte Spalte): Maßnahmen der NS-Behörden -

sie konnten fast reibungslos durch-

gesetzt werden

1933

Verlust der Kassenzulassung für

„nichtarische” und „kommunistische”

Ärzte

Ende 1935

es wurde festgelegt, wer als Jude zu

gelten hatte

(1. Verordnung zum Reichsbürgergesetz)

1938

Praxisverbot für Ärzte, einige durften

sich „Krankenbehandler” nennen”

August 1938

der Namenzusatz Israel, bzw. Sarah

wurde angeordnet

Ende 1938

jüdische Hausbesitzer wurden zum

Verkauf verpflichtet

April 1939

Juden konnten in bestimmte Häuser

innerhalb der Stadt umgesiedelt werden

Juli 1940

die Post kündigte Juden die Telefon-

anschlüsse

September 1941

der Gelbe Stern war zu tragen

18. Oktober 1941

die Massendeportation von Berliner

Juden begann

23. Oktober 1941

Auswanderungsverbot für Juden

Wesentliche Quellen:

- www.adressbuch.zlb.de (Berliner Adressbücher)

- www.bundesarchiv.de/gedenkbuch /(Bundesweites Gedenkbuch der jüdischen Opfer der nationalsozialistischen

Gewaltherrschaft). Im Berliner Gedenkbuch sind letzte Adressen vermerkt.

- Gottwalt(!)/ Schulle, Die „Judendeportationen” aus dem Deutsche Reich 1941-1945

- www.aerzteblatt.de (103/43,2006); Brenner, Jüdische Ärzte in der NS-Zeit

Recherchiert und eingerichtet von Mietern des Hauses im November 2008